Dienstag, 6. September 2011

Allein sein

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Für heute hielt Mary Wort und Nadja wurde von Nachfragen verschont. Mary selbst zeigte sich einmal mehr als Meisterin der Verstellung und verlor den ganzen Tag kein einziges Sterbenswörtchen darüber, dass bei Nadja zu Hause eine Freundin mit einem Baby zu Gast war. Dabei hätte es mehr als genug Gelegenheiten gegeben darüber Andeutungen zu machen. Dennoch war Nadja den ganzen Tag nicht besonders konzentriert. Indirekt hatte sie Mary schließlich versprochen, ihre Vergangenheit zu enthüllen. Und diese Tatsache beherrschte ihre gesamten Gedanken.

Wenigstens schaffte sie es, sich den Anderen gegenüber nicht auch noch zu verraten. Nadja war froh als der Gong um kurz nach zwei das Ende ihres Schultages verkündete. Sie verabschiedete sich hastig von ihren Freundinnen und stieg in ihren Golf und rauschte davon. Erleichterung machte sich breit, als sie endlich aus der Schule war, und Mary nicht die ganze Zeit in die Augen sehen musste. Doch im Moment wollte sie nicht nur Mary nicht sehen, sie wollte allein sein. Und zu Hause wartete Jurina. Sie hatten sich vorgenommen am Nachmittag etwas zu unternehmen.

Wieder krampfte sich Nadjas Magen zusammen. Sie wollte ersteinmal ihre Gedanken ordnen können. Es war wichtig, darüber nachzudenken, ob sie Mary in ihre Vergangenheit einweihte oder nicht. Sie hatte schon den ganzen Tag darüber nachgegrübelt, aber im Unterricht hatte sie nicht wirklich einen klaren Gedanken fassenk önnen. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Zum Glück hatte sie mit Jurina keine konkrete Zeit ausgemacht. Und heute war ihr kurzer Schultag gewesen. Es fiel also nicht weiter auf, wenn sie noch eine Stunde irgendwo hin fuhr um allein zu sein.

Zuerst wusste sie gar nicht recht, wo das sein könnte, doch dann fiel ihr eine Stelle ein, wo sie mit Joe schon zum Spazieren hingefahren war. Ein ziemlich großer Park mit einem See. Er lag kaum zehn Minuten mit dem Auto entfernt von ihrer Wohnsiedlung. Dort angekommen stellte sie den Wagen ab und atmete tief durch. Sie hatte sich doch eigentlich so sehr gefreut, dass Jurina da war. Erst recht, dass sie mit einer kleinen Tochter gekommen war. Und jetzt brachte dieser Besuch einmal mehr ihr empfindliches Leben durcheinander.

Die Stunde, welche Nadja sich selbst gegeben hatte, verging mit einer Runde um den See auf der Nadja, mit den Händen in den Taschen schlenkerte. Zum Glück waren um diese Tageszeit nicht besonders viele Leute hier, so dass es auch nicht komisch aussah, wenn hier jemand allein spazieren ging. Sie hatte fast die ganze Zeit auf den Weg vor sich gestarrt und versucht über ihr Verhältnis zu Mary nachzudenken. Und auch darüber, ob sie es erzählen sollte. Sie hatte eigentlich nur zwei Personen je von ihrer Vergangenheit erzählt.

Joe hatte damals auf Arramoa einmal danach gefragt. Da hatte sie nur ein paar Sätze darüber verloren. Wie sie sich danach gefühlt hatte wusste sie nun nicht mehr. Nur, dass Joe sie auf einmal geschüttelt hatte. Im Nachhinein fragte sie sich plötzlich wieso. Außerdem hatte sie Ga'ilana in den ersten Tagen die groben Züge ihres Schicksals geschildert, als sie noch in der Quarantänestation gesessen hatte und sie sich durch den Zaun unterhalten hatten. Sie hatten sich angesehen und festgestellt, dass sie beide ungefähr das Gleiche erlebt hatten.

Ansonsten war auf Arramoa nie viel über Vergangenheiten geredet. Die meisten lebten eher dort um diese Zeiten zu vergessen, als um sie sich ständig bewusst zu machen. Und hier in Seattle musste ihre gesamte Geschichte ein Geheimnis bleiben. Ein labiles Gebäude aus Lügen und Halbwahrheiten stützte hier ihre Anwesenheit im Haus eines zwölf Jahre älteren Mannes, mit dem sie offiziell nichts hatte, während ihre Mutter und ihre Schwester nur zwei Stadtviertel wohnten und ihr Bruder mit seiner Verlobten ebenfalls. Einmal mehr war Nadja die gesamte Situation zuwider.

Kommentare:

  1. Einmal mehr ein Grund für Nadja, sich darauf zu besinnen, dass sie die beiden besten Vertrauten zuhause hat, die ihr helfen könnten.
    Hoffentlich hat die Stunde um den See genügt, um sich über ihre Beziehung zu Mary klar zu werden. Und dann weiß sie sicher, dass sie mit Joe und Jurina reden kann. Joe wird nicht tiefer nachfragen und Jurina muss nicht fragen. Es geht ja nur um die Frage, ob sie mit Mary darüber reden soll und wie tief.
    Und ich hoffe doch sehr, dass Nadja einmal mehr feststellen kann, dass es helfen kann, darüber zu reden. Eigentlich bräuchte sie mal ne Therapie. Aber das wird sie sehr wahrscheinlich ablehnen. Oder?

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  2. vielleicht würde doch mal ein Besuch beim Psychologen helfen. So jung und schon so viel erlebt. Das kann kaum ein Mensch alleine schaffen. Greetz, C.H.

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