Donnerstag, 30. Dezember 2010

Noctambule: Warme Milch oder doch lieber einen Rat?

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Armand stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Einmal mehr war Maurice beeindruckt von der stattlichen Erscheinung des jungen Mannes. Die vornehme Blässe war ungewöhnlich, aber Maurice hatte sich daran gewöhnt. Da er den nächtlichen Umtrieb seines Arbeitgebers inzwischen kannte, führte er auch dessen Blässe darauf zurück.
Als er eintrat, wandte Armand sein Gesicht zu seinem Butler. Maurice stutzte kurz. In den schwarzen Augen las er Ungeduld und einen Hauch von Traurigkeit. Er schwankte in seinem Entschluss. Vielleicht wäre es doch besser, sich wieder dezent zurückzuziehen?


"Ich wähnte Euch bereits ruhen, Monsieur. Kann ich etwas für Euch tun? Ein Glas Wein vielleicht? Oder lieber einen Sherry? Oder etwas warme Milch zum Einschlafen?" Manche Männer pflegten ja ihren Kummer in Alkohol zu ersäufen. Er glaubte ein kurzes Flackern in Armands Augen zu sehen. Armands Kopf war leicht gesenkt und er hatte seine schwarzen Haare nicht zum Zopf gebunden, was ihm ein wildes Aussehen verlieh.
"Danke, Maurice. Ich brauche nichts dergleichen." Armand wandte den Kopf wieder zum Fenster und Maurice spürte den starken Drang, der stummen Aufforderung zu verschwinden auch nachzukommen. Wider besseres Wissen startete er einen zweiten Versuch. Seine väterlichen Gefühle waren zu stark.
"Dann vielleicht mit einem Rat, Monsieur?" wagte er anzudeuten. Als Armand langsam den Kopf wieder zu ihm drehte und ihn mit bohrendem Blick musterte, fiel es ihm schwer, seine korrekte Haltung zu wahren.
Aber Maurice war gut geschult. Er erwiderte den Blick seines Gegenübers mit stoischer Gelassenheit, aber ein kleiner gutmütiger Funke war in seinen Augen nicht zu übersehen. Mehr als eine Abfuhr konnte ihm ja nun wirklich nicht passieren, fand er.
Und die Traurigkeit der kleinen Mademoiselle war ebenso wenig zu übersehen gewesen wie jetzt die des jungen Mannes.
"Bist du verheiratet, Maurice?" Armand ließ den offenen Fensterflügel los und machte eine leichte Drehung zu seinem Butler.
"Ich bin verwitwet, Monsieur." Sein Bedauern darüber war nicht zu überhören. Er vermisste seine Frau schmerzlich, auch nach 12 Jahren noch. Armand nickte und begann im Raum auf und ab zu laufen. Die spürbare Unruhe, die ihn wie ein gefangenes Raubtier umtrieb, entlockte Maurice ein kurzes, wissendes Lächeln. Für einen jungen Mann waren Frauen wirklich schwer zu verstehen.
"Ich glaube nicht, dass du mir helfen kannst." entfuhr es Armand frustriert. Aber Maurice blieb unerschütterlich stehen.
"Wie Ihr wünscht, Monsieur. Aber vielleicht darf ich mich zu einer kleinen Bemerkung hinreißen lassen? Mademoiselle wirkte heute abend auf mich sehr unglücklich und verstört. Ich bin sicher, es kann sich nur um ein Missverständnis handeln."
Armand blieb ruckartig stehen. Seine schwarzen Augen funkelten seinen Butler an. Maurice unterdrückte den Wunsch, den Kloß in seinem Hals herunterschlucken zu wollen, der sich plötzlich einstellte.
Er wusste, dass er gerade sehr deutlich gegen die Etikette verstoßen hatte. Ein Mann in seiner Stellung hatte nie die Freiheit zu einer Indiskretion und schon gar nicht zu einer ungebetenen Äußerung. Dennoch blieb Maurice gelassen, als er Armands Blick erwiderte. Dann rückte er einige Weinflaschen auf der Anrichte zurecht und sortierte die Gläser kurz, bis ihre Reihe wieder seinem Sinn für Ordnung entsprach.
"Ich will damit nur sagen, dass wir nicht zu Unrecht das starke Geschlecht sind. Wir müssen den Damen einiges nachsehen, Monsieur." er lächelte Armand kurz an und breitete in vertraulicher Resignation kurz die Arme aus. "Sie sollen unsere Augen erfreuen und nicht messerscharf denken, nicht wahr? Und Mademoiselle erfreut das Auge eines jeden Mannes in umwerfender Weise. Man darf nicht zuviel verlangen." er bewegte sich bereits auf die Türe zu und deutete eine kurze Verneigung an.
"Ich wünsche angenehme Nachtruhe, Monsieur." Leise schloss er die Tür, während Armand ihm verblüfft hinterher sah. Erst draußen, nachdem er die Türe hinter sich geschlossen hatte, pustete Maurice tief durch. Uff! Hoffentlich war er nicht zu weit gegangen. Aber er hatte das Gefühl, Armand zu einer neuen Sichtweise verholfen zu haben. Mit einem zufriedenen Lächeln erklomm er die Stufen zu seinem Zimmer und hatte das gute Gefühl, das Gefüge seiner Welt wiederhergestellt zu haben.

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