Donnerstag, 23. Dezember 2010

Noctambule: Einladung

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

"Es hat eine besondere Bedeutung für Anya und mich, Mademoiselle la Comtesse." Armands Schritte in den Raum hinein waren geschmeidig und lautlos. Miriam fasste sich wieder, als er seinen Blick von ihr löste und auf Anya senkte. Mit den Fingerrücken strich er sanft über ihre Wange und sie lächelte kurz, bevor sie ihren Blick senkte.
Es verwunderte Miriam, dass Armand keinerlei Scheu hatte, in ihrer Gegenwart derartige Zärtlichkeiten zu zeigen. Doch dann vermutete sie, dass Anya ihn bereits eingeweiht hatte. Niemand würde seine Geliebte derart brüskieren wollen, davon war sie überzeugt.


Anya hingegen war angespannt. Armand zeigte keinerlei Interesse daran, was Miriam denken mochte. Und dennoch hatte der dem Comte gegenüber in der Oper deutlich gezeigt, dass er nicht bereit war, seine Beziehung zu Anya in der Öffentlichkeit zu definieren. Sie wusste nicht, woran sie war und das verunsicherte sie völlig.
Miriam gewann ihre unbeschwerte Leichtigkeit zurück.
"Gut, dann bleibt es eben. Ich finde es sehr schön, auch wenn es nicht zum Kleid passt." meinte sie und zupfte Anyas Kleid zurecht. Dann widmete sie sich Anyas Frisur, die bei dem Umziehen ein wenig gelitten hatte. Armand lehnte sich mit einem amüsierten Lächeln an die Wand und beobachtete die Szene. Miriam bemerkte nicht, dass er kurz kritisch die offenen Fenster betrachtet hatte und sich außerhalb des Sonnenlichts bewegte. Die Helligkeit blendete ihn und schmerzte in seinen Augen, auch wenn er sich im schattigen Bereich des Zimmers aufhielt.

"Ihr müsst sehr stolz auf eure schöne…. Schwester sein, Monsieur." plapperte Miriam mit einem verschmitzten Zwinkern zu Armand und widmete sich wieder der Frisur. "Ich bin so froh, Anya kennen gelernt zu haben." Ihre Arbeit an Anyas Haaren hinderte sie daran, Armands Reaktion genau zu beobachten. Anya hob den Blick zu ihm mit einem leicht ängstlichen Gesichtsausdruck. Armands Augen wanderten langsam zu Anya, seine Braue hob sich leicht und sein Kopf neigte sich ein wenig zur Seite. Anya entging das kurze Zucken in seinem Mundwinkel nicht. Aber sie war sich nicht sicher, ob es ein amüsiertes Zucken gewesen war. Der Ausdruck seiner Augen war eher bohrend.
"Wer wäre nicht stolz auf so eine… Schwester." erwiderte er langsam, was Anya die Röte in die Wangen trieb. Miriam kicherte und warf ihm einen koketten Blick zu. Sie konnte sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen, seine lässige Art an der Wand zu lehnen unterstrich die Geschmeidigkeit seines langen Körpers noch.
"Wir haben nächste Woche einen kleinen Empfang geplant. Also meine Eltern natürlich, nicht ich. Die würden sich ungemein freuen, wenn ich ihnen Eure Zusage mitteilen könnte, Monsieur." sie schlug bittend ihre großen Augen zu ihm auf. Anya hörte zum ersten Mal davon. Aufregung erfasste sie und ihr Blick hing an Armand. Der betrachtete sie immer noch mit aufmerksamer Konzentration und riss sich jetzt erst von ihrem Anblick los, um sich Miriam zuzuwenden.

"Wir haben bestimmt schon die Zusage von Madame Dubrés. Und von dem schönen Saint Lechaivre. Das sind die beiden Hoheiten der Marseiller Gesellschaft!" Für Miriam war dies DER Lockruf schlechthin. Jeder, dem sie das erzählte, würde danach förmlich nach einer Einladung betteln. Aber wie sie vermutet hatte, blieben die schwarzen Augen dieses großen Mannes vor ihr völlig ausdruckslos. Er deutete schließlich eine kleine Verbeugung an.
"Ich werde darüber nachdenken. Doch bedanke ich mich für diese verlockende Einladung." erklärte er höflich. Anya war enttäuscht. Sie war sicher, dass Armand ablehnen würde. Aber noch hatte er nicht abgelehnt.
"ich werde die Damen nun nicht mehr an ihrem geplanten Ausflug hindern und wünsche viel Spaß." verkündete Armand und wandte sich noch einmal kurz Anya zu. Er schob seine Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht an.
"Wir beide werden uns später noch ein wenig unterhalten." seine Stimme schnurrte fast und löste eine Gänsehaut bei Anya aus

"Huh.. das klingt wie eine Drohung!" kicherte Miriam, ohne zu wissen, wie nah sie damit an der Wahrheit lag. Sie fröstelte ein wenig und schüttelte sich, um Armands Wirkung loszuwerden, die er bei ihr hinterlassen hatte. Sein Blick hatte sie fasziniert und erschreckt gleichzeitig. Sie fühlte sich magisch zu ihm hingezogen und war dennoch froh, wenn er seine Aufmerksamkeit anderen zuwandte. Erklären konnte sie sich das nicht. Sie musterte Anya neugierig.
"Ich glaube, ich habe ein bisschen Angst vor ihm." tuschelte sie verschwörerisch. Anya lächelte matt. Aber sie riss sich zusammen und zwinkerte Miriam zu.
"Ich manchmal auch." meinte sie und griff nach ihren Handschuhen.
"Komm, lass uns endlich los gehen. Ich brauche frische Luft und freue mich auf das Eis!" lenkte sie Miriam ab. Die beiden rauschten aus dem Haus und in der Kutsche gewann Anya ihre fröhliche Leichtigkeit zurück. Sie bemerkte das schwarze Augenpaar nicht, dass sie aus einem Fenster des oberen Stocks verfolgte, bis sie außer Sicht war.

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