Freitag, 24. Dezember 2010

Adventskalender 24 - Weihnachten auf Arramoa

Dies ist das 24. und letzte Kapitel meiner Adventsgeschichte. Ein Inhaltsverzeichnis findet ihr hier: Adventskalender

Jurina schlug etwas verschämt die Augen nieder. Sie musste heftig schlucken. Vor diesem Augenblick hatte sie die ganze Zeit Angst gehabt. Wie würde Thorsten reagieren, wenn sie ihn so hereinlegten? Schließlich war vollkommen klar, dass er bei seinem Gefallen sicher nicht an die Flüchtlinge gedacht hatte. "Tut mir leid.", hauchte sie und krümmte sich etwas zu sammen. Ihr war plötzlich schrecklich elend.

"Was soll das?", fragte Thorsten leicht erbost und schaute zu Ga'ilana, die ihn nach wie vor ziemlich keck ansah. "Du hast gesagt, du tust uns einen Gefallen. Und ich habe dich um etwas gebeten." Sie musste schlucken als sie seine merklich verfinsterte Miene sah. "Ich... Es...", sie stammelte plötzlich. War sie zu weit gegangen? War es wirklich in Ordnung gewesen ihren Gönner und ständigen Gastgeber so zu manipulieren? Wurde er tatsächlich böse?

"Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen.", meinte sie kläglich. Thorsten seufzte und ließ sich auf die Matratze fallen. Einige quälende Augenblicke sagte er gar nichts. Dann sah er zu Jurina, welche es nach wie vor nicht wagte ihn anzusehen. Er wechselte auf die andere Seite und auch von Ga'ilanas fordernder Art war nichts mehr übrig geblieben. "Ihr seid mir vielleicht gerissen.", sagte er kopfschüttelnd. "Ihr habt das alles genau abgekartert. Jurina sollte schüchtern spielen, und ihr wusstet genau, dass ich euch für diese Nummer einen Wunsch gewähren würde.", fasste er den Plan ziemlich exakt zusammen. Sein Ton war sachlich geworden und enthielt sogar ein wenig Anerkennung.

"Reife Leistung, Mädels.", nickte er weiter. "Normalerweise bin ich es, der hier den Verführer gibt.
Aber habe ich je einer von euch einen Wunsch abgeschlagen? Hätten wir das nicht einfach bei einem Cocktail besprechen können und danach zum Vögeln gehen? War es nötig mich so zu reinzulegen?" Zu anfang klang er noch ein wenig enttäuscht. Doch langsam umspielte wieder ein Lächeln seine Mundwinkel und er strich Ga'ilana sacht unter dem Kinn und hob so ihren Kopf. Er gab ihr einen zarten Kuss auf die Lippen und wandte sich danach zu Jurina und wiederholte das ganze nochmal. "Du bist nicht böse?", fragte sie schüchtern und Thorsten sah in ihre blauen Augen, die längst nicht mehr nur gespielt schüchtern waren. Sie schämte sich tatsächlich für diesen Verrat. "Wie könnte ich böse sein? Aber ich sage euch was. Diesen Wunsch kann ich euch nicht gewähren."

Ga'ilana schluckte vernehmlich. Sie hatte gehofft, dass er trotz der Hinterlist darauf eingehen würde. "Nicht als Wunsch. Erklär mir warum ich das tun sollte. Wenn du mich überzeugst mache ich es, wie du es sagst. Und deinen Wunsch kannst du für etwas anderes verwenden." Fordernd blickte er die junge schwarze Frau an und Ga'ilana atmete tief durch. Sie hatte nicht zu träumen gewagt, dass Thorsten sich mit ihr auf ein ernsthaftes Gespräch über dieses Thema einlassen würde. Schon bei Tom war sie ja abgeblitzt. Sie hatte nicht einmal gewagt ihre Sicht der Dinge zu schildern und nun bat Thorsten sie offen darum.

"Wenn sie nach Europa gehen, werden sie höchstwahrscheinlich fast alle abgeschoben. Manche werden gehen und das Elend beginnt von vorne. Andere werden sich verstecken und illegal dort leben. Manche Frauen werden durchmachen, was Jurina und ich durchgemacht haben. Sie sind alle jung und kräftig. Und dennoch werden es die wenigsten schaffen, so wie sie es gehofft haben, Geld in die Heimat zu schicken. Also wird dort nicht nur Geld fehlen sondern auch junge kräftige Arbeitskraft. So war es auch in meinem Dorf. Sie müssen zurückgehen und man muss ihnen helfen, dort wo sie herkommen Arbeit zu finden um ihre Kinder zur Schule schicken zu können. Nur dann kann auch aus den Dörfern und Städten, wo sie herkommen etwas werden." Oft war Jurina diese Rede im Kopf durchgegangen. Und nun saß Thorsten vor ihr und lauschte ihren Worten. Dann nickte er zustimmend.

"Du meinst, ich sollte lieber Entwicklungshilfe leisten, als ein paar illegale Einwanderer zu fördern?", fragte er ernst. "Das wäre das Beste für diese Leute!", meinte sie und eine Gänsehaut lief über ihren Rücken. Thorsten ließ sich erneut auf die Matratze sinken und schloß die Augen. Hatte dieses Mädchen recht? Aber sollte er wirklich das Problem dieser Leute zu seinem machen? "Ist Arramoa nicht sowieso eine Art Entwicklungshilfe?", meinte Ga'ilana vorsichtig. Sie schluckte einmal heftig. "Uns allen hilfst du doch auch."


Das Flugzeug hob am nächsten Tag erst nachmittags um ein Uhr ab. Bis dahin hatte es gedauert die bevorstehenden Einreiseformalitäten zu klären und auch die Herkunft aller Flüchtlinge zu bestimmen. Tom hatte die Liste zusammen mit dem Kapitän abgearbeitet und fast alle würden wieder in ihre Heimat zurückkehren. Thorsten sicherte Tom einen recht stattlichen Etat zu und beauftragte, eine gemeinnützige Stiftung zu gründen, die sich um das Schicksal dieser Leute kümmern würde. Nicht in allen Fällen war es einfach zu handhaben und es kostete Tom die Aufbietung seines gesamten Verhandlungsgeschicks und vieler Kontakte, doch tatsächlich war es möglich, jedem, der arbeiten konnte eine Ausbildung zu ermöglichen oder einen Job zu besorgen, der eine Familie ernähren konnte. Manche wurden beim Umzug in die Nähe einer Fabrik unterstützt, und andere konnten, Dank einer Finanzspritze, landwirtschaftliche Genossenschaften in ihren Dörfern gründen und endlich an fairem Handel teilnehmen.

Bis zuletzt hatte keiner der 51 Menschen, welche auf der Insel gestrandet waren, eine Ahnung, wo sie wirklich gewesen waren. Nur von dem unglaublichen Glück, dass sie gehabt hatten, würden sie noch ihren Enkeln erzählen.


Thorsten, Ga'ilana und Jurina verbrachten die ganze Nacht miteinander. Geschlafen haben sie wenig.

Kommentare:

  1. Raffinierte kleine Weiber! Und prima, dass Thorsten sich hat überreden lassen.

    Das war eine tolle Adventsgeschichte und eine reife Leistung. Wie es sich für Weihnachten gehört mit einem Happy End. Danke schön!

    Ich wünsche Joe und allen Lesern frohe Weihnachten.

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  2. Es ist zwar nicht Weihnachten, aber auch für unterm Jahr ist es eine sehr schöne Geschicht!
    Danke sehr!

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