Mittwoch, 22. Dezember 2010

Noctambule: Modetrend

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

Marseille 1748

Anyas zweiter Ausflug mit Miriam glich dem ersten sehr. Wieder schmeckte sie Armands Sperma den halben Vormittag, bis ein Eis den Geschmack ablöste und mit Erdbeeraroma vertauschte. Und wieder plante Miriam enthusiastisch Anyas angebliche Herkunft und die komplette Geschichte bis ins kleinste Detail.
Der dritte Spaziergang begann schon anders, denn Armand ließ sich überhaupt nicht blicken. Anya hatte noch nie gewagt, sein Zimmer zu betreten, wenn er sich zurückgezogen hatte. Und so kleidete sie sich still selbst ein, was sie mit einigen Schwierigkeiten konfrontierte und sie schließlich das Zimmermädchen um Hilfe bitten musste.


Als Miriams Kutsche vorfuhr, schwebte Anya fröhlich in einem Traum aus sonnengelber Seide aus dem Haus, was Miriam entgeistert aufquietschen ließ.
"Sei mir nicht böse, aber mit deinen wunderschönen blonden Haaren DARFST du niemals.. NIEMALS gelb tragen. Das macht dich fade!" Sie musterte das Kleid und schüttelte erneut den Kopf.
"Das wäre die perfekte Farbe für mich mit meinen blöden braunen Haaren. Aber was für ein Glück, dass es Puder gibt!" Sie kicherte und kletterte aus der Kutsche, ohne auf die Hilfe ihres Dieners zu warten.
"Los, zeig mir dein Zimmer. Ich werde deine Haare pudern, dann geht’s wieder!" verkündete sie entschlossen. Anya hielt die Luft an. Durfte sie das? Hatte Armand nicht ausdrücklich gesagt, dass sie im Salon Gäste empfangen durfte? Naja, er hatte ihr nicht verboten, sie in ihr Zimmer mitzunehmen und dort gab es nichts Verwerfliches. Sie sah Miriam unentschlossen an.
"Wir haben kein Puder.. Armand verabscheut es." hauchte sie mit knallroten Wangen. Miriam riss die Augen auf. So komplett gegen einen Modetrend zu handeln, war ihr völlig neu. Blinzelnd suchte sie nach Worten.
"Oh.. Also dann.. dann musst du dich dringend umziehen. Ich helfe dir, wir brauchen deine Zofe ja nicht." Sie nahm Anya an der Hand und zog sie die Stufen hinauf. Anya schluckte erneut. Sie hatte keine Zofe. Was, wenn Miriam nach einer Zofe rief? Alles entwickelte sich falsch und in gefährliche Richtungen. Sie hoffte inständig, dass Miriam sie nicht fallen lassen würde, wenn auch das noch heraus kam.
Der Butler verzog keine Miene, als Miriam sich kichernd mit Anya vorbeidrängte und den Butler kaum beachtete. Kichernd hüpfte sie die Treppe hinauf und betrat Anyas Zimmer, nachdem diese auf die Tür gedeutet hatte. Sie wünschte nur, dass Miriams Lachen nicht Armand wecken oder stören würde.
"Oooh, was für ein wunderschönes Zimmer du hast! Sogar mit Balkon!" Miriam stürzte begeistert an das Fenster und riss die Vorhänge zurück, sodass die Morgensonne hereinströmte. Dann wandte sie sich Anya zu, drehte sie einfach mit dem Rücken zu sich und begann plappernd die Haken zu lösen.
"Ich bin auf deinen Schrank gespannt. Aber erstmal raus aus diesem gelben Traum. Du musste deinen Armand unbedingt fragen, ob ich das Kleid nicht haben kann. Ich kaufe es dir ab! Himmel, was hast du für eine wunderschöne Haut." Anya wurde dunkelrot. Sie betete nur, dass das Unterkleid die Striemen an ihrem Rücken verdeckte, die Armand ihr letzte Nacht zugefügt hatte.

Aber Miriam schien nichts zu bemerken und half Anya aus dem Kleid heraus. Dann riss sie die Türen des Schranks auf und blieb davor stehen.
"Herrliche Kleider. Aber warum denn nur so wenig? Wir müssen unbedingt zum Schneider! Die paar Kleider hast du ja in einer Woche schon abgetragen! Oder ziehst du die etwa öfter nacheinander an?" Miriam fiel fast kopfüber in den Schrank hinein und kam mit einem moosgrünen Kleid wieder zum Vorschein.
"Das hier." bestimmte sie mit fachmännischem Blick und drückte es Anya in die Hand. Wühlend und kichernd schafften die beiden es, die Stoffmassen um Anya zu drapieren und bevor Miriam es schloss zog sie das Korsett noch mal ein wenig enger. Auch das ging nur mit Kichern und Protesten seitens Anya.
"Nicht so fest!!"
"Doch, doch! Du brauchst eine Wespentaille. Halt still!" Miriam schien ihre Zofe zu imitieren und strahlte bei dem Kraftakt. Endlich war sie zufrieden und schoss das Kleid.
"Du bist wunderschön!" hauchte sie hingerissen. "Aber das Halsband passt dazu nicht, das muss heute ab." verkündete sie und trat auf Anya zu, deren Hand sofort an ihren Hals schoss und sich schützend um das Leder legte. Aber sie kam nicht dazu, zu protestieren.
"Verzeiht, Mademoiselle, aber ich würde es begrüßen, wenn das Halsband da bleibt wo es ist.. an diesem entzückenden Hals." Armands Stimme ließ Anya zusammenzucken und Miriam quietschend vor Schreck herum fahren.


Wieder einmal war Armands Erscheinung beeindruckend und das nicht nur für Anya, sondern auch für die junge Miriam. Die schwarze Hose umschloss eng seine muskulösen Beine. Der Rock, den er trug, war aus wertvollem schwarzem Brokat, der kunstvoll mit mattschwarzem Garn bestickt war, was dem Stoff ein interessantes Muster verlieh, das man erst auf den zweiten Blick erkannte.
Vorne endete dieser Rock exakt nach der modischen Vorschrift am Hosenbund, hinten aber hingen zwei lange Rockschöße herunter, die Armands enorme Größe noch unterstrich. Der gute Schnitt wies auf einen sehr geschickten Schneider hin und betonte Armands breite Schultern.

Er hatte den Kopf leicht gesenkt und die schwarzen Augen musterten Miriam aus dem blassen Gesicht mit einem lauernden Lächeln, was ihr eine seltsame Gänsehaut erzeugte, aber sie konnte diesem Blick nicht ausweichen.
Er sprach sehr leise, aber seine Stimme war seltsam gut verständlich für Miriam, als hätte sich ihr Gehör verschärft. Sie konnte es sich nicht erklären, aber sie würde später jedem erzählen, was für eine magische Erscheinung Armand war.

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