Dienstag, 21. Dezember 2010

Noctambule: Rückblick - Mörder

Dies ist ein Kapitel aus KayGees Noctambule. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule

"Ich werde nie ein reiner Vampir, nicht wahr? Diese Lüge hast du erfunden, habe ich Recht?" Diese Frage nagte in ihm schmerzhafter als alles, was Adaliz getan hatte. Und nun lachte sie röchelnd, immer noch völlig frei von Angst. Dass Armand ihr wirklich schaden würde, kam gar nicht in Frage und seinen Zorn konnte sie nur zu gut verstehen. Sie stachelte ihn sogar noch an.
"Der einzige Unterschied zwischen dir und einem reinen Vampir ist, dass du keinen Nachwuchs zeugen kannst, du Idiot!" krächzte sie verächtlich. "Dich zu manipulieren war so einfach! Und du hast mir jedes Wort geglaubt, du Narr!"


Kurz machte der Schmerz, den ihre Worte auslösten, Armand unaufmerksam. Sein Griff lockerte sich und Adaliz nutzte das sofort aus. Sie riss ihren gefangenen Arm aus seiner Hand und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Wie so oft überraschte sie ihn mit ihrer enormen Kraft, als sie ihn von sich schleuderte und aufsprang.
"Du langweilst mich! Verschwinde! Dein Platz ist bereits neu vergeben!" schrie sie ihn an. Armand verlor jede Beherrschung. Schmerz, Wut und Demütigung legten in seinem Kopf einen Schalter um, von dessen Existenz er noch nicht mal etwas gewusst hatte. Aus dem Liegen heraus schoss er hoch und flog mit der ganzen Wucht seines Gewichtes gegen Adaliz. Ihr nackter Körper krachte gegen die alte Eiche. Armand konnte das Brechen ihrer Rippen hören, bevor sie vor Schmerz aufjaulte.
Aber das genügte ihm nicht. Kaltblütig riss er ihren Kopf an ihrer roten Mähne in den Nacken und presste sie mit seinem Körper gegen den Baum.
"Du hast keinen Platz mehr, den du vergeben kannst. Du wirst niemanden mehr verhöhnen und zu deinem Vergnügen aus seinem Leben reißen, du.. Bestie!" knurrte er. In Adaliz' Augen tauchte der erste unbehagliche Schimmer auf.
"Armand…" Ihre Lippen öffneten sich und ihre Hände tasteten nach seiner Brust. Sie bekam kaum noch Luft. Sein Gewicht drückte ihre gebrochenen Rippen gegen ihre Lungen und ihr überstreckter Hals ließ sie nur noch röcheln. Mit plötzlicher Angst starrte sie in seine glühenden Augen. Es war das Letzte, was sie sah, bevor Armand seine tödlichste Waffe einsetzte und ihre Kehle zerfleischte.

Er gab sich nicht die Mühe einen sorgsamen Biss zu setzen, den er bei der Jagd einsetzte. Er jagte seine scharfen Zähne auch nicht gezielt in die Seite des Halses, wo die Hauptschlagader verlief. Er biss direkt in die Kehle, riss das Fleisch heraus und hörte ihre gurgelnden, röchelnden Geräusche. Zu mehr war sie nicht mehr in der Lage, denn er hatte mit dem ersten Biss bereits die Luftröhre zerrissen. Blind vor Wut hieb er sein Gebiss wieder in ihren Hals und das Blut schoss ihm direkt in den Mund.
Ihr Blut schmeckte metallisch, alt, klumpig und modrig. Angewidert drehte er sich weg, spie es aus und wischte sich den Mund ab. Der widerliche Geschmack brachte ihn wieder zur Besinnung. Als er den Kopf zu ihr drehte, riss er vor Schreck den Mund auf und stolperte rückwärts. Adaliz bot ein Bild des Grauens.
Ohne es beabsichtigt zu haben – er hatte es nicht einmal wirklich gemerkt – hatte er den schönen Körper auf einem abgebrochenen Ast aufgespießt. Als er sich an sie gepresst hatte, bohrte sich der Ast endgültig durch ihr Herz und nur die letzte Spitze war unter ihrer linken Brust wieder ausgetreten.
Ihr Kopf hing unnatürlich abgewinkelt zur Seite und ihre Kehle war völlig zerfetzt. Aber das war nicht einmal das Schlimmste. Blut quoll in pulsierenden Schwällen aus der riesigen Wunde und lief in Strömen über ihren Körper.
Aber das Blut war nicht dunkelrot, sondern nahezu schwarz und zäh. Das erklärte auch den abartigen Geschmack. Fassungslos erkannte Armand, dass es zu verklumpen begann, wie altes Blut. Die weiße Haut der Frau begann zu schrumpeln und sich schwarz zu verfärben. Risse zogen sich über die Haut als würde sie aufbrechen.
Die glänzenden roten Locken verloren ihren Schimmer, wurden grau und fielen büschelweise aus. Die schönen, funkelnden grünen Augen waren gebrochen und starrten Armand mit fassungslosem Entsetzen an.. der letzte Ausdruck ihres Gesichtes schien sich nicht verändern zu wollen.
Armand keuchte entsetzt auf. Der Anblick seiner bösartigen Gefährtin brannte sich in sein Gedächtnis ein und löste einen grausamen Schmerz in ihm aus. In Sekunden zerfiel der Körper, die Haut löste sich auf, Fleisch, Muskeln und Knochen zerfielen zu Staub und Asche, rieselten auf die Wurzeln der alten Eiche und wurden von dem aufkommenden Wind des frühen Morgens in alle Winde zerstreut. Adaliz war tot.


Armand wusste nicht, wie lange er neben George gehockt und die alte Eiche angestarrt hatte. Adaliz war tot. Sie war verschwunden und nichts außer ihren Kleidern, die überall verstreut lagen, erinnerte mehr an sie. Er war fassungslos über das, was er getan hatte. Wieder und wieder spulte der Film der letzten Minuten in seinem Kopf ab, während er seinen Blick nicht vom alten Baum reißen konnte.
Er bemerkte nicht die beginnende Helligkeit des Tages. Erst ein unangenehmes Kribbeln auf seiner Hand weckte ihn aus seiner Apathie. Ein kleiner Sonnenstrahl hatte sich durch die Blätter des Gebüschs seinen Weg direkt auf seinen Handrücken gesucht und dort ein kleines Brennen ausgelöst. Hastig zog Armand seine Hand zurück. Er musste hier weg!

Sein Blick flog zu George. Erst jetzt registrierte er das leise Stöhnen aus Georges Kehle und das schmerzverzerrte Gesicht. Georges Verwandlung hatte begonnen. Armand keuchte leise. Er hatte gehofft, dass George nicht überlebt.
Nun stand er vor der Wahl, George entweder zu töten oder ihn mitzunehmen. Hier liegen lassen kam gar nicht in Frage. Er würde mit seinem Gebrüll eine Menschenmasse anlocken und die Existenz der Vampire damit verraten. Das durfte nicht sein.
Aber noch einen Vampir zu töten, brachte Armand nicht über sich. Zu sehr stand er noch unter dem Schock des eben Erlebten. Hastig raffte er Georges Kleidung zusammen und zerrte seine Hose wieder hoch.
Dann packte er George und richtete den bewusstlosen Körper so weit auf, dass er den Umhang über George werfen konnte. Das musste genügen. Hoffentlich war es noch zu früh für die meisten Menschen, sodass sie unentdeckt das Haus erreichen konnten.
Armand warf sich die schützende Kapuze seines Umhangs über den Kopf und zerrte Georges Körper mit sich aus de Gebüsch.
Er hoffte schwer, dass er mit George den Eindruck zweier vollkommen betrunkener Männer machte. Solange er sich unbeobachtet fühlte, trug er George und konnte so große Strecken schnell zurücklegen.
Immer wieder schimmerte das Sonnenlicht durch die Öffnung seiner Kapuze und ließ ihn schmerzlich keuchen. Seine blasse Haut brannte und schmerzte höllisch. Es war die reinste Qual, durch den beginnenden Morgen zu laufen und sich der immer stärker werdenden Sonne auszusetzen. Die Haut seiner Hände begann bereits, Blasen aufzuwerfen wie bei einer schweren Verbrennung.

Erleichtert warf er die Tür seines Hauses hinter sich zu und riss sich den Umhang vom Körper. George ließ er unsanft neben dem Kamin im Salon fallen, dann landete er selbst erschöpft in einem der beiden bequemen Sessel, ließ den Kopf zurück auf die Lehne fallen und schloss die Augen. Die Schmerzen ließen ihn hemmungslos stöhnen und mit verzerrtem Gesicht presste er die verletzten Hände auf sein Gesicht.
Die Dunkelheit hier drin tat ihm gut und kühlte seine Haut. Er konnte spüren, wie seine verbrannten Stellen begannen sich zu regenerieren.
George hatte eine Zeit lang ruhig auf dem Boden gelegen. Armand erinnerte sich, dass er vor 49 Jahren ebenso gelitten hatte wie George jetzt und der junge Mann tat ihm ein wenig leid. Im Grunde war George ein Opfer wie er selbst auch. Inzwischen hatte er mit Adaliz ein anderes Haus bezogen auf der anderen Seite der Stadt. Armands Vermögen hatte sich in den letzten Jahren dank eifrigen Ausraubens seiner Beute erfreulich vermehrt. Er würde wieder umziehen müssen.
Georges Stöhnen riss Armand aus seinen Gedanken. Der blonde Mann begann zu zucken und sich auf dem Boden zu krümmen. Die schlimmste Phase setzte ein. Nur zu gut erinnerte sich Armand an seine eigenen Schmerzen. Sie waren eine unglaubliche Tortur gewesen. Und nun konnte er die Veränderung beobachten, die er selbst mitgemacht hatte.

Georges Gesicht begann sich zu verändern. Die Haut war kreidebleich und verschwitzt, aber seine Gesichtszüge gewannen mehr und mehr an Ebenmäßigkeit. Die Lippen wurden dunkler, die Kieferknochen schienen sich leicht zu verbreitern und kräftiger zu werden. George riss seine Hände an die schmerzenden Schläfen und stieß einen klagenden Schrei aus, der Armand zusammenzucken ließ.
Aber es war nicht der Schrei selbst, sondern die Zähne, die Armand erstarren ließen. Er konnte zusehen, wie sich das normale menschliche Gebiss zu verändern begann. Die Eckzähne veränderten ihre Länge zu messerscharfen Reißzähnen. Selbst die Schneidezähne schienen stärker und kräftiger zu werden, wenn auch nicht spitzer.
Georges Muskeln zuckten in einem wilden, völlig unkontrollierbaren Krampf. Aber als Beobachter wurde Armand klar, dass auch sie plötzlich an Masse zuzunehmen begannen und sich neu ausrichteten.
George warf sich aufbrüllend herum und krümmte sich erneut. Der Schweiß lief in Bächen über sein blasses Gesicht, das immer mehr diese sanfte Schönheit gewann ohne Georges angeborene Züge zu stark zu verändern.
War das der Moment, in dem Adaliz ihn noch einmal hatte trinken lassen? Würde sein Blut überhaupt die mildernde Wirkung haben wie das von Adaliz, die George schließlich gebissen hatte? Konnte sich sein Blut wirksam mit ihrem vermischen?
"Der einzige Unterschied zwischen dir und einem reinen Vampir ist, dass du keinen Nachwuchs zeugen kannst." hatte Adaliz gesagt. Wenn es keinen Unterschied gab, müsste es klappen. Ein Versuch war es wert. Mehr als sterben konnte George nicht und Armand war sich gerade nicht einmal mehr sicher, ob das nicht das Beste für George sein würde.
Schweigend stand er auf und kniete sich neben den schreienden George. Ohne besonderen Schmerz zu verspüren, biss er sich selbst eine tropfende Wunde in seinen Unterarm und zwang George, das Blut zu trinken. Der blonde Mann gehorchte ohne Widerstand mit glasigem Blick. Als Armand zurücksank, begann seine Wunde am Arm bereits zu heilen. Die Kratzspuren von Adaliz waren komplett wieder verschwunden.

Stumm setze er sich wieder in seinen Sessel und wartete geduldig. Seine Gedanken waren bei Adaliz. Tiefe Trauer baute sich in ihm auf. Und Abscheu über sich selbst. Er hatte die Kontrolle verloren. Er hatte kaltblütig getötet. Nicht zum eigenen Überleben, sondern aus Hass und Rachegedanken. Er hatte einen Vampir getötet und die Frau, die er so unendlich begehrt hatte. Hatte er sie geliebt?
Oder war es eine gewisse Form der Hörigkeit gewesen? Hatte er lediglich in einer Abhängigkeit gelebt, die er langsam mit seiner wachsenden Dominanz verändert hatte? War das der Grund, warum Adaliz sich von ihm abgewandt hatte? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er eine grenzenlose, schmerzende Leere in sich verspürte. Und wenn er es noch können würde, hätte er jetzt geweint.


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