Mittwoch, 11. April 2012

Noctambule III - Die Jagd

Dies ist das erste Kapitel aus KayGees Noctambule Band Drei. Für eine Inhaltsübersicht zu bereits veröffentlichten Inhalten schaut doch bitte hier: Inhaltsübersicht Noctambule III




Marseille 1750

Etienne gähnte herzhaft und raufte sich durch die lockigen Haare, nachdem er die Straße betreten hatte und den Weg zu seiner Arbeit aufnahm. Obwohl er wusste, wie spät – oder besser wie früh – es war, warf er einen Blick in den nächtlichen Himmel. Es war klar, die Sterne waren noch zu sehen und kalt war es außerdem, was seinen Kreislauf noch besser in Schwung brachte und seine Müdigkeit aus den stämmigen Gliedern trieb.
Er mochte seinen Beruf, auch wenn er jeden Tag noch mitten in der Nacht aufstehen musste und nur im Hochsommer bereits das frühe Tageslicht genießen konnte. Er war Kopfschlächter, was bedeutete, dass er jeden Tag in aller Frühe damit begann, Rinder oder Schweine zu töten und auszunehmen, damit sie schnell weiter verarbeitet werden konnten.


Entsprechend war sein Körperbau. Etienne musste sich keine Gedanken darüber machen, einfach mal so Ärger mit anderen zu bekommen. Er war nicht sonderlich groß, aber sein muskelbepackter Oberkörper ließ ihn stämmig, fast quadratisch aussehen. Das tägliche Heben von Rinderhälften hatte ihn mit den Jahren zu einem reinen Kraftpaket werden lassen. Sein breiter Nacken ging fast nahtlos in die Trapezmuskeln über, die beim Anspannen schon fast unästhetisch stark hervortraten.
Sein Gang war gemächlich, fast gemütlich und ein wenig watschelnd, denn das gute Essen in der Schlachterei zeigte zusätzlich seine Wirkung und hatte seinen Bauchumfang den breiten Schultern angepasst. Sein Alter zu schätzen war sehr schwer, doch wurde er so selten danach gefragt, dass er selbst erst einmal nachzählen musste. Da Zählen nicht seine Stärke war, dauerte es ein wenig, bevor er auf die zwanzig Jahre kam.
Etienne hatte nicht viel Abwechslung in seinem Leben und daher auch nicht viel, worüber er nachdenken musste. So spazierte er durch die nächtlichen leeren Straßen und träumte eben einfach davon, irgendwann einmal Meister zu werden und vielleicht die Schlachterei übernehmen zu können, auch wenn seine Frau ihn deshalb immer auslachte.

Er war sich nicht sicher, ob er gerade richtig gesehen hatte, dass ein Schatten an ihm vorbei gehuscht war. Das irritierte ihn, denn irgendetwas hatte ihn aus seinen Träumen gerissen und nun konnte er nichts sehen, was nicht hier in die Straße gehörte.
Er drehte sich um und musterte den Weg, den er eben zurückgelegt hatte. Doch alles war ruhig und ganz normal. Etienne schüttelte leicht den Kopf über sich selbst und nahm seinen Weg wieder auf. Sicher nur eine Katze oder eine Fledermaus, die ihn verwirrt hatte. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden und drehte sich erneut um.
Jetzt war er ganz sicher. Er hatte etwas Großes über die Straße huschen gesehen, jedoch viel zu schnell, um erkennen zu können, was es gewesen war. Etienne blieb stehen und starrte in den Schatten, wo das Wesen verschwunden war. Es war viel zu groß für ein Tier gewesen. Aber kein Mensch konnte so schnell sein? Da! Da war es wieder! Blitzschnell schoss es vor, erreichte die Hauswand und schoss so schnell daran in langen Sprüngen hinauf, dass Etienne fast schwindlig wurde.
Er musste sich selbst drehen, um beobachten zu können, wie der verwischte Schatten fast quer an der Hauswand entlang schoss, dann war er verschwunden. Mit offenem Mund gaffte er die Hauswand empor, doch war einfach nichts mehr zu sehen. Als er sich völlig verwirrt wieder auf den Weg machen wollte, stockte er zu Tode erschrocken. Direkt vor ihm stand eine zierliche junge Frau, blass und mit wunderschönen großen Augen, die ihn mit schief gelegtem Kopf und seltsam hungrigem Blick betrachtete.
Etienne atmete erleichtert aus. Eine kleine Frau machte ihm keine Angst, auch wenn er nicht verstand, wo sie auf einmal herkam. Aber schließlich hatte er dieser Straßenseite lange genug den Rücken zugedreht, um sie zu übersehen. Gerade öffnete er den Mund, um sie anzusprechen, als sie schon sprang. Er spürte ihr federleichtes Gewicht an seinen Schultern und hörte ein grauenvolles Fauchen. Wie im Reflex packte er ihre langen Haare, riss sie von sich weg und schlug gleichzeitig mit der Faust in ihr Gesicht.
Dabei verlor er das Gleichgewicht und taumelte zurück, während sie von der Wucht seines Schlages förmlich durch die Luft flog und auf der Straße aufprallte. Sprachlos beobachtete er, wie sie sich abrollte und schneller wieder auf den Füßen war, als er jemals für möglich gehalten hatte.
Seine große Faust hatte viel fester zugeschlagen, als er selbst gewollt hatte. Ihre Haut über ihrem Wangenknochen war aufgeplatzt und blutete. Etienne blinzelte, denn was er sah, konnte nicht möglich sein. Noch während sie sich wieder aufrichtete, konnte er sehen, wie ihre Wunde sich schloss und ihr Gesicht die gleiche makellose Schönheit zeigte wie vorher.

Stammelnd taumelte er zurück und wischte sich über die Augen. Als er wieder hinsah, stand sie direkt vor ihm und sah ihn an. Etienne schlug keine Frauen, aber hier handelte nur noch sein Instinkt. Er holte aus und zielte mit seiner gewaltigen Faust genau in die Mitte ihres Gesichtes. Doch hatte er das Gefühl, gegen eine Wand zu dreschen. Fassungslos sah er in ihr unversehrtes Gesicht, während ihre kleine Hand seine Faust einfach festhielt und scheinbar mühelos zu verdrehen begann.
Etienne brüllte auf und bog sich seitlich, um ein Brechen seines Armes zu verhindern. Das war alles nicht möglich! Selbst seine Kollegen scheuten eine Auseinandersetzung mit ihm und diese kleine Frau dirigierte ihn mit offensichtlich überirdischen Kräften. Dann ging alles ganz schnell. Er spürte den Aufprall ihres Körpers an seiner Brust. Ihre Beine umklammerten mit erschreckender Kraft seine Hüfte, sein Kopf wurde zur Seite gerissen und wieder hörte er ihr Fauchen.
Der siedend heiße Schmerz in seinem Hals breitete sich nach innen aus und wandelte sich zu wohliger Wärme. Mit weit aufgerissenen Augen begann er zu taumeln und sackte auf die Knie, als eine zweite heiße Welle durch seinen Körper schoss.
Mit beiden Armen umschlang er ihren Körper, während er rücklings auf die Straße fiel und sich stöhnend der steigenden Wollust hingab, die ihn zu beuteln begann. Er wurde nicht müde. Seine Augen verloren die Sehkraft. Aber das machte nichts. Es sollte nur nicht aufhören, dachte er und begann zu lächeln.

Anya schleifte den massigen Körper in den Schatten und brachte ihn in eine sitzende Position. Dann fiel sie noch einmal über ihn her und trank, bis das Blut zu dick wurde und den bitteren Beigeschmack zu bekommen drohte, der das Gift für jeden Vampir ankündigte, wenn er noch weiter trank. Den letzten Schwall seines Blutes presste sie zurück in seine Halswunde und verteilte mit der Zunge ihren Speichel. Als sie den Kopf zurück gezogen hatte, beobachtete sie fasziniert, wie seine Halswunde sich zu schließen begann.
Sie lächelte. Mit Beginn ihrer Schwangerschaft hatte sie eine neue Fähigkeit an sich entdeckt. Sie konnte die Bissstellen, die sie geschlagen hatte, wieder schließen lassen. Irgendetwas in ihrem Speichel regenerierte die Haut des frisch Verstorbenen. Man würde ihn bald finden und über seinen Tod rätseln. Sollten sie nur alle grübeln.
Anya strich über ihren gewölbten Leib und lächelte zärtlich. Dem Kind ging es spürbar gut nach einer erfolgreichen Jagd und dieser Mann hier war genau das Richtige gewesen. Jung, gesund und kraftvoll. Aber ihr Hunger war noch nicht gestillt. Witternd schoss ihr Kopf herum, als sie eine frische Fährte wahrnahm und für eine Sekunde blitzten ihre scharfen Reißzähne auf, bevor sie zu einem Schatten wurde, den ein Mensch nur schwer erkennen konnte.

Kommentare:

  1. Gestartet mit einem Knall!

    Einmal mehr führst du einen Charakter erst liebevoll ein und erzählst von seinem Leben um ihn nur wenige Minuten später auszulöschen. (Nein - nicht auslöschen zu lassen. Das warst du schon ganz selbst :))

    Anya hat also einen unstillbaren Durst. Damit war ja zu rechnen, in Anbetracht der Tatsache, dass sich ein Kind in ihr Entwickelt. Schon an anderer Stelle heisst es: Sie füttet zwei, wenn sie nun isst und trinkt.
    Darüber hinaus scheint es ihr blendend zu gehen, wenn sie so behende auf die Jagd gehen kann. Das schreckliche Fieber scheint also vollends überwunden zu sein. Das freut mich natürlich.

    Aber nun bin ich gierig. Wie geht es den anderen. Was ist mit Miriam? Was mit der kleinen Josceline? Und was hat Anyas merkwürdige neue Fähigkei zu bedeuten? Praktisch ist sie auf jeden Fall. So kann sie recht unbehelligt in der Stadt jagen, ohne dass Angst unter der Bevölkerung umgeht.

    Sagte ich schon, dass ich mich freue? :D

    Liebe Grüße
    Joe

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  2. Ahhhhhhhhh..... ich stimme Joe zu....ein "bombastischer Knall"....!!!!! Ich kann es kaum erwarten wenn es weitergeht :)

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