Montag, 23. April 2012

Kurzfristiger Besuch

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Sie haben mich reingelegt!" "Ich habe Wort gehalten, Hill.", kam es amüsiert aus dem Telefonhörer zurück. Hill schnaubte wütend. Das Gegenüber fuhr fort. "Ich sagte, ich werde meine Leute nicht für Bernstein stimmen lassen. Eine Enthaltung ist damit vollkommen gedeckt." Hill hatte seine Stimme wiedergefunden. "Ich will, dass wir das Geschäft über die Anteile an der Getränkefirma wieder zurückabwickeln. Sie haben mich enttäuscht." Die Antwort waren einige Sekunden schallendes Gelächter. "So naiv können Sie doch nicht wirklich sein. Sie haben verloren, Hill. Sie wollten ihren eigenen Mann auf den CEO-Stuhl setzen und ihr Plan ist gescheitert und das ja nicht nur an meinen Leuten. Meine haben auch bei der zweiten Abstimmung ihre Hände unten gelassen. Die Witwe vom alten Korg hat sie fertig gemacht. Lassen Sie sich das eine Lehre sein, in Zukunft etwas weniger rassistisch zu denken. Bernstein macht einen guten Job." Wütend knallte Hill den Hörer auf das Telefon.


Joe saß nach der Sitzung nachdenklich in seinem Büro. Er hatte den Sessel zum Fenster gedreht und starte nach draußen über das etwas dreckige Stadtpanorama. Was war das heute gewesen? Er mochte diesen Job doch gern und hatte dennoch mit seiner Kündigung gedroht. Diese Stelle bot noch ausreichend Freizeit um sich um Nadja zu kümmern. Er musste lächerlich wenig reisen und die Bezahlung sicherte das ständige Wachstum seines Millionenvermögens. Als er vor zwei Jahren hier eingestigen war, sollte es ein Karrieresprungbrett sein und er hatte hoch hinaus gewollt. Doch inzwischen, das spürte er, hatte er es eher als die Endstation azeptiert. Aber er konnte doch mit 29 noch nicht am Ende angekommen sein? Doch wohin konnte ihn ein anderer Job noch bringen? Um Geld ging es doch schon lang nicht mehr. Er überlegte zurück an die Warnung von Grant, dass er nach seinem Sturz als CEO vermutlich nur noch 'Personalchef einer Provinzklitsche' wäre. Sein erster Gedanke damals war gewesen, dass er dann mehr Zeit für Nadja hätte.

Blockierte sie seine Karriere? Der Gedanke, der sich gerade anschlich war fürchterlich unangenehm. Aber er entsprach genau den Sprüchen, die er schon so oft gehört hatte. 'Wenn du erst Frau und Kind hast, wirst du dich nach weniger Arbeit sehnen.' Joe seufzte und drehte sich wieder zum Schreibtisch. Er wollte mit jemandem darüber sprechen. Doch er war unsicher, wer der Richtige wäre. Er könnte seinen Vater anrufen, doch es war ihm irgendwie unangenehm mit ihm über Nadja zu reden. Er hatte schon seit drei Wochen nicht mehr mit Thorsten gesprochen. Seit die Medienaffäre losgegangen war, drückte er sich ein wenig darum ihn anzurufen. Doch jetzt war genau der Zeitpunkt gekommen. Er hob den Hörer ab und suchte Thorstens Handynummer aus dem Verzeichnis. Dann wartete er bis die Verbindung hergestellt wurde.

"Ach lässt du dich auch mal wieder hören?", begrüßte ihn eine gut gelaunte Stimme. Wenn auch die Spitze nicht zu überhören war. "Entschuldige hier war viel los.", rechtfertigte Joe sich mit einer Floskel und wollte sich in der nächsten Sekunde dafür auf die Zung beißen. "Ach Joe! Ein paar Illustriertenartikel sind kein Beinbruch. Und dieser alberne kleine Antisemit hat es nicht geschafft dich abzusägen. Er hatte seine Vereinbarung ein wenig falsch verstanden." Joe war gewohnt, dass Thosten stets gut informiert war, doch dass er über Ereignisse, die kaum zwei Stunden zurücklagen schon wieder alle Details wusste, war schon unheimlich. "Du weisst also Bescheid?", vergewisserte Joe sich. "Sei nicht albern. Ich habe einen Freund der vier Stimmen in deinem Aufsichtsrat hat. Das waren die Enthaltungen. Und sei sicher, diese Leute stehen einwandfrei auf deiner Seite. Du hast also sogar 19 Stimmen für dich. Als es darauf ankam hatte Hill selbst noch genau zwei Unterstützer."

Ein wohliges Gefühl überkam Joe. Zum einen fühlte es sich gut an, zu wissen, dass der Aufsichtsrat deutlich breiter hinter ihm stand als er vermutet hatte und zum anderen war es angenehm zu wissen, dass Thorsten ihn, nach wie vor, so wohlwollend beobachtete. "Danke.", meinte Joe sehr ehrlich und man konnte fast den Stein hören, der ihm dabei vom Herzen fiel. "Stets für dich da, Freund!", gab Thorstne zurück. Joe seufzte einmal kurz. Allein diese Gewissheit war erleichternd und er versuchte zu überschauen, was das nun alles veränderte. "Aber deshalb hast du gar nicht angerufen.", folgerte Thorsten. "Ich frage mich gerade, wo ich hin will.", gab Joe ehrlich zu, "Ich bin verlobt, ich frage mich, ob Karriere das Wichtigste ist und wie es wird, wenn ich Familie habe" Thorsten lachte leise. "Du bist deutlich zu jung für eine Midlifecrisis. Aber deine Fragen sind etwas, was zwei Männer besser bei einem Bier besprechen. Bist du in den nächsten Tagen unterwegs?" "Nein. Es liegt nichts an." "Ich werd in der nächsten Woche an der Westküste sein. Richte dich auf einen kurzfristig angekündigten Besuch ein." "Gern!", gab Joe zurück, "Jederzeit!"

Kommentare:

  1. Was für ein raffiniertes Schachspiel im Hintergrund! Ich erwähnte kürzlich erst, dass ich zu naiv für die hinterhaltige Geschäftswelt bin :). Hill hat also auf ganzer Linie verloren. Das gefällt mir natürlich! Und der gute Torsten hatte sicher sein Finger im Spiel.

    Dass Joe ihn angerufen hat, war eine gute Idee. Ich bin gespannt; wie Nadja auf seinen Besuch reagiert, sofern Torsten sie sehen will und kann. Es dürfte merkwürdig sein, denn sie hatten ja beide eine romantische Nacht miteinander.
    Jetzt ist das allerdings egal, denn sie wird ja ihren Joe heiraten. Fein wie sich das Ganze aufgelöst hat :)
    LG Kay

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  2. Mhhh... ich weiss noch nicht was ich davon halten soll. Das Gespräch von Hill gibt mir zu denken. Wer weiss, vielleicht hat er ja auch mit Thorsten telefoniert. Bei der Enthaltung sind die Hände von Thorsten Leuten auch unten geblieben, so wie die von Hills Verbündeten. Wenn das nun die gleichen sind...? Warum sollten auch Thorstens Leute, wenn diese doch eigentlich für Joe sind, sich enthalten? Zwar glaube ich nicht, dass Thorsten Joe absägen will, aber was hat das alles zu bedeuten?

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  3. Tut mir leid, Minito, aber du hast nicht aufgepasst.

    Lies nochmal genau, wer da für wen war.

    Liebe Grüße
    Joe

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