Freitag, 21. September 2012

In ein Paket schnüren

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Auf Nadja machte Pierce auch diesmal nicht den Eindruck eines wirklich seriösen Anwalts. Doch jetzt war es ohnehin zu spät, sich anders zu entscheiden. Pierce stand noch einmal auf und streifte sein verknittertes Sakko ab, welches Nadja sofort als dasselbe identifizierte, dass er am Freitag getragen hatte. Dann setzte er sich wieder und griff sehr gezielt in einen der Stapel und zog eine Mappe heraus.

"Ich plane, die Sache sehr aggressiv anzugehen.", begann er dann und blätterte in seiner Mappe. "Aggressiv?", meinte Lelya wenig überzeugt. "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wünschen Sie nicht, dass er sich Ihnen auch nur nähert?", suggerierte er und wartete kaum Nadjas und Lelyas Nicken ab. "Ich habe daher vorbereitet, dass wir die Klage direkt mit einer einstweiligen Verfügung beantworten. Ich habe vor zu beantragen, dass er keinen von Ihnen anrufen darf, oder sich Ihnen auch nur auf 500 Meter nähern darf."

"Was bringt das?", fragte Nadja etwas verdutzt. "Das bringt es, dass die Polizei ihn einsammelt und einsperrt, wenn er dagegen verstößt.", kam es stumpf zurück. Lelya sah etwas verdutzt aus. "Wirklich? Und das bekommen wir so einfach, so eine Verfügung?" Der Anwalt lehnte sich zurück und streckte die Beine unter den Tisch und präsentierte so seine zerschlissenen Schuhe. "Wir werden das jedenfalls mal beantragen. Sie könnten sich im Prozess auch hinsetzen und alles still hinnehmen, was er über sie ausschütten wird. Aber ich würde dringendst empfehlen, dass sie sich mit gleichen Waffen wehren!"

"Aber ich will nicht, dass die Polizei ihn holt, wenn er zu mir kommt.", ließ Maria nun kleinlaut heraus. Lelya blickte ihre Tochter vernichtend an. "Er wird sich uns nie wieder nähern!", fauchte sie die Kleine an. "Aber er war total nett zu mir!", meinte Maria und verschränkte schmollend die Hände vor der Brust. Der Anwalt kratzte sich am Kopf und betrachtete den aufkeimenden Streit. "Wenn du uns bei der Anhörung nachher in die Parade fährst, Kleines, dann kann ich nicht mehr versprechen, dass du nicht ausgewiesen wirst. Willst du lieber mit deinem Papa wieder in Kiew leben?", meinte er ungerührt.

Darauf hatte Maria nichts zu erwidern. Aber sie funkelte zornig in die Runde. "Dann sag ich halt gar nichts.", quetschte sie schließlich doch heraus. "Das ist die beste Idee.", meinte der Anwalt nur und erklärte weiter, mit welchen Anträgen er vorzugehen gedachte. Fürs Erste wollte er feststellen, dass der Lebensmittelpunkt von Mykola wohl nun auch in den USA läge, damit das Verfahren auf jeden Fall hier geführt werden würde. Außerdem galt es zu bestreiten, dass das gemeinsame Sorgerecht je bestanden hätte. "Dabei ist allerdings die Frage, was für Papiere er vorweisen kann, und ob er sie bereits übersetzt hat.", nickte der Anwalt schließlich.

Weder Nadja noch Lelya hatten viel von dem verstanden, was der Anwalt erklärt hatte, doch es hörte sich nach einer soliden Strategie an. Es blieb eben die Ungewissheit, wie gut Mykola auf den Prozess vorbereitet war. Maria hatte ihre Drohung wahr gemacht und hatte schmollend geschwiegen. Mit deutlich gedrückter Laune ging die kleine Gesellschaft dann hinüber zum Gerichtsgebäude, wo Joe mit Lukas bereits wartete. "Schön, dass du auch gekommen bist.", sagte Lelya gelöst. "Ich lass euch nicht im Stich! Den Kerl schnüren wir in ein Paket und schicken ihn hin, wo er hergekommen ist.", meinte er kämpferisch. "Tatsächlich ist das leider die schlechteste Variante.", meinte Nadja sanft und drückte erst ihren Bruder und dann Joe sehr fest an sich.

Kommentare:

  1. Ich sehe es kommen, dass das in einer ordentlichen Schlammschlacht zwischen den Parteien endet und wenn Mykola clever ist, dann wird er alle Unterlagen ins Englische übersetzt haben.

    Ich hoffe es geht für Nadja & Co. gut aus.

    Lg Jay

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  2. aggressives Vorgehen an sich ist ja nicht verkehrt, aber es wirkt auf mich schon eher wie das bissige Verhalten eines in die Ecke gedrängten Hundes.
    Wer sagt denn, dass Mykola seinen Lebensmittelpunkt hier hat? Er lebt in einem Hotel und hat nur ein Touristenvisum. Nichts deutet darauf hin, dass er sich häuslich einrichtet. Das mag das Gericht vielleicht ein Weilchen beschäftigen, eine effektive Wirkung sehe ich allerdings leider darin nicht.

    Die einstweilige Verfügung, sich nicht der Familie zu nähern, kann schon eher etwas bringen. Das zeigt, dass Angst der Familie besteht. Wovor, das muss sich dann in der Verhandlung klären. Vielleicht kann so aus der Entführung eine Flucht werden, doch auch das wirkt ein wenig sehr wackelig.

    Maria ist eine empfindliche Schwachstelle in der Front der Familie. Ihr Schmollen kann an der völlig falschen Stelle explodieren und alles zunichte machen. Sie kann ihrer Mutter unüberlegt in den Rücken fallen und nicht nur Lelya wird das bereuen, auch Maria. Aber sie erkennt die Tragweite des Ganzen offensichtlich nicht. Man hätte sie wohl doch wesentlich früher und einprägsamer einweihen sollen. Nur müssen wir darüber jetzt nicht jammern, sondern mit den Fakten leben. Und die sehen gar nicht gut aus *seufz*

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