Donnerstag, 19. Januar 2012

Lebenslauf

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Aber Ashley erzählen wir erstmal nichts.", schlug James vor und erntete ein Nicken. "Wir können es immer noch erklären, wenn ich wieder einen Job habe.", setzte James dann nach. Maud, seine Frau, drückte ihn noch einmal an sich. "Du wirst sicher schnell neue Arbeit finden." Es klang sehr entschieden, wie sie das sagte. Halb freute sich James über ihren unerschütterlichen Glauben, aber ebenso fühlte er sich davon etwas unter Druck gesetzt. Was würde sein, wenn er nicht sofort etwas neues fand?

Er arbeitete schon ewig bei NetCorp. Überhaupt hatte er einen, für die Branche, vollkommen ereignislosen Lebenslauf hinter sich. Er war in den 90ern als Quereinsteiger zu den Computern gekommen. Vorher hatte er in der Stadtverwaltung gearbeitet. Dort hatte man alle technisch begeisterten Leute in die neu gegründete IT-Abteilung gesteckt. James hatte sich dort sehr wohl gefühlt. Er hatte viel gelernt, viele Schulungen besucht und festgestellt, dass außerhalb der Abteilung niemand so eine rechte Ahnung davon hatte, was dort eigentlich vor sich ging.

Das führte zu der äußerst angenehmen Situation, dass man zu jedem Zeitpunkt Arbeit vorschützen konnte. Nichteinmal der Chef der Verwaltung konnte feststellen, ob dies der Wahrheit entsprach oder ob die Mitarbeiter mit Computerspielen beschäftigt waren. Neues Personal wurde ohne Nachfragen bewilligt und machte die wenige Arbeit die anlag noch bequemer. Doch dann kam der folgenreiche Entschluss, dass man die völlig aufgeblasene IT-Abteilung auflösen werde um die Computer und den zugehörigen Service an ein Privatunternehmen zu übergeben.

Outsourcing nannte sich das Stichwort, welches James beinahe den Job gekostet hätte. Allerdings gehörte er zu den Mitarbeitern der ersten Stunde innerhalb der Abeitlung und so war er einer von den fünf Glücklichen gewesen, die von Allied Network Solutions übernommen wurden. Acht Jahre später wurde aus Allied Network Solutions die heutige NetCorp und wieder schaffte James es sich durchzumogeln und bei der Umstrukturierung unabkömmlich zu wirken. Mithin hatte James zwar offiziell seit dem College vier Jobs gehabt. De facto waren es aber nur zwei gewesen, nämlich der in der Verwaltung, welchen er aber nur drei Jahre lang gemacht hatte und der inzwischen fast 20 Jahre zurücklag, und eben die Arbeit am IT-System der Stadtverwaltung, welche er ja für die Firma dann fortgeführt hatte.

Sicherlich hatte er bei NetCorp längst auch in anderen Bereichen gearbeitet und wusste auch grundsätzliche Dinge über Softwareentwicklung. Aber wirklich gut war er in keinem Bereich geworden. Er hatte seit gut fünf Jahren keine nennenswerte Weiterbildung mehr besucht. Solche Seminare fanden oft an Wochenenden statt und die waren ihm zu heilig. Aber das brachte ihn eben in die jetzige Lage, dass er ohne Unterstützung vom alten Arbeitgeber einen neuen Job finden musste. In einer Branche, welche wie keine Andere auf aktuelle Systeme und Kenntnis derselben wert legte.
"Es wird sicher schnell gehen.", nickte er seiner Frau zu. Jedoch hatte er dabei einen deutlichen Kloß im Hals.

Kommentare:

  1. Ich finde irgendwie, dass James ein wenig spät darüber nachdenkt. Erstaunlich, wie gierig er gewesen ist. Und man merkt auch, wie sehr einen die eigene Faulheit frustrieren kann.
    Da schummelt man sich jahrelang durch alle möglichen Lücken und schwimmt unauffällig im Strom mit und beweist somit ja doch enorme Fantasie, um auf jeden Fall faul bleiben zu können.. und macht mit einer einzigen, großen Dummheit alles kaputt. Obwohl es ja zwei Dummheiten sind: Erst der Ehrgeiz auf jeden Fall ohne Ehrgeiz den Job zu behalten und dann noch die Gier.
    James hat seinen Frust über die mäßige Bezahlung einfach auf die Firma übertragen und seinem Boß eine Strafe aufgebrummt, die im Grunde ihm selbst gilt. Und wie gut er sich gerade bestraft hat, wird er noch merken, weil ich nicht glaube, dass er so einfach einen neuen Job genau in dieser Branche finden wird. Zum einen wird Joe das zu verhindern wissen, zum anderen wird jeder Arbeitgeber ein Zeugnis verlangen und sich bei Joe erkundigen, warum es kein Zeugnis gibt - oder wenn es eines gibt, warum James vorgibt, keines erhalten zu haben. Denn sollte es ein Zeugnis geben, dann wird James es sicher nicht zeigen wollen.

    Außerdem droht ja auch noch die Gefahr, dass Maud herausbekommt, dass er sie belogen hat. Die Tatsache der Küge plus der wahre Grund der Kündigung könnte ja auch noch einen raschen Auszug seiner Frau und Tochter bedeuten - oder seinen eigenen. Zumindest kann er dann wirklich faul bleiben, denn dann muss er ja nur noch seinen eigenen Unterhalt und den seiner Tochter zahlen.

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  2. Dass Eltern immer meinen den Kinder nichts erzählen zu müßen. Die Kinder kriegen es eh meist raus, spühren dass was nicht in Ordnung ist und sind dann nur noch mehr verletzt, wenn sie es aus anderer Quelle erfahren. Meint James wirklich, Nadja wird Ashley nicht darauf ansprechen? Wenn sie das tut, wid Ashley zu Mama rennen und die fragen. Maud wird auch aus allen Wolken fallen, wenn sie den wahren Grund der Kündiggung kennt und James die Hammelbeine langziehen.
    Ein Lebenslauf mit wenigen beruflichen Stationen zeugt normal ja von Kontinuität und zeigt auch, dass der Arbeitgeber mit einem zufrieden war. Nur ohne Fortbildungen und erst recht ohne Zeugnis wird James es schon schwer haben. Aber wer von uns gönnt James auch schon einen neuen Arbeitsplatz und Glück? :-P

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