Donnerstag, 20. Mai 2010

Arramoas Geschichte

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Arramoa gehört meiner Familie seit über 200 Jahren. Einer meiner Vorfahren hat das unbewohnte kleine Fleckchen Land entdeckt und an sich genommen. Damals war es der Inbegriff einer einsamen Insel. Er war Spanier. Und er war beileibe nicht zufrieden mit dem, was die Spanier damals in ihren Überseeländereien veranstalteten. Man könnte sagen er war unpatriotisch. Daher verschwieg er die Entdeckung schlichtweg. Und die Insel liegt so weit weg von allem allein mitten im Wasser, dass erst die Kriegsflotten der Amerikaner sie im ersten Weltkrieg wieder entdeckt hatten.

Das wäre damals beinahe zum Eklat geworden. Denn bis dahin war auf Landkarten an dieser Stelle einfach nichts verzeichnet. Aber mit ein bisschen Geld konnte mein Urgroßvater die Entdeckung auch weiterhin geheim halten. Die Insel ist militärisch höchst uninteressant. Zu klein für einen Hafen und das Wasser drum herum zu flach für alles, was größer ist als eine Yacht. So blieb sie auch von beiden Kriegen verschont und unangetastet. Heute im Zeitalter von Satellitenbildern ist die Existenz der Insel selbst natürlich kein großes Geheimnis mehr.

Offizielle Karten werden heutzutage aufgrund von Satellitenbildern erstellt. Und auf den Seekarten für dieses Gebiet wird die Insel, dank einiger Bemühungen als herrenloser Felsen geführt. Auf Google Maps habe ich sie löschen lassen. Das war übrigens sogar einfacher als gedacht. Da waren die Stimmaktien und der Vorstandsposten bei Google endlich mal zu etwas nutze. Wer auf die Stelle zoomt, sieht nichts als den weiten blauen Ozean. Es wird insgesamt einfach nicht viel Aufhebens darum gemacht. Die USA haben ihre Besitzansprüche damals fallen gelassen. Die Kriegskasse konnte die Spende meines Urgroßvaters besser gebrauchen als die Insel. Mexiko glaubt die Insel gehöre den USA, außerdem haben sie andere Sorgen als kaum 10 km² Atoll, mitten im Pazifik welche ungefähr 700 Seemeilen von ihrer Küste entfernt liegen. So sind alle glücklich.

Jetzt kannst du hoffentlich nachvollziehen, warum ich möchte, dass auch du nicht viel Aufhebens um diese Insel machst. Es ist ein großer Vertrauensbeweis, dass ich dir das erzähle und es gibt nicht viele Menschen auf der Welt, die wissen, was du weißt. Die meisten davon sitzen übrigens in diesem Flugzeug."

Joe hatte dem Vortrag bis zu diesem Punkt aufmerksam gelauscht. Er fühlte sich schon sehr erhaben zu dem Kreis von Thorstens engsten Freunden zu gehören. Brav nickte er. "Das versteh ich schon. Und ich werd dich nicht enttäuschen.", versprach er dann. Kurz überlegte er, wem er das überhaupt erzählen sollte. Und wer ihm das glauben sollte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Niemand würde ihm das glauben, da war er sicher. Aber er würde es auch nicht wagen, das auf die Probe stellen.

"Danke!", nickte Thorsten ihm zu. "Dann will ich dir jetzt auch erzählen, was es mit der Insel an und für sich auf sich hat.

Sie war schon immer das, was sie heute ist. Dabei wurde nicht immer alles so gehandhabt, wie heute. Und auch den Flugplatz hat erst mein Opa bauen lassen. Aber immer schon war die Insel ein kleines Paradies. Ein Ort um sich zur Ruhe zu setzen und das Leben zu genießen. Gut - Zwischendurch war sie auch mal ein Umschlagplatz für Schmuggelware. Aber es hat sich wenig bewährt. Kein Schiff, das einen nennenswerten Tiefgang hat, kann die Insel anfahren. Also lohnt sich auch das Schmuggeln nicht wirklich. Schon die Bauarbeiten dort sind ein Aufwand sondergleichen. Baumaterial muss mit kleinen Schiffen in winzigen Portionen mühsam hinübergeschafft werden.

Also haben sich dort schon meine Vorfahren einfach nur gemütlich niedergelassen. Die Insel war damals ein Ort, wo man Huren hingeschafft hatte und Glücksspiel und Pferderennen veranstaltete. Auch Boxkämpfe oder andere illegale und unmoralische Unternehmungen waren immer mal wieder dabei. Und neben all dem zog sich eine Sache durch die Geschichte, wie ein roter Faden.

Schon immer hatten die Männer in meiner Familie ein Herz für die gefallenen Mädchen. Und so wurden dort Frauen hingebracht, die aus schlimmen Verhältnissen kamen. Ganz früher waren es Sklavinnen. Vornehmlich aus Amerika. Die Zeit hat die Herkunft all der Frauen immer wieder verändert. Lange Zeit waren es auch Frauen, die uneheliche Kinder bekamen und in Familie und Gesellschaft in Ungnade gefallen waren. All diese Frauen sind dort hingebracht worden und dürfen dort seit jeher ohne zu Arbeiten leben."

Joe lauschte weiter gespannt Thorstens Erzählungen. Aber nun musste er einhaken: "Und dafür müssen sie nackt herumlaufen und sich von ihrem Gönner und seinen Freunden benutzen lassen?", platzte es aus ihm heraus.

Thorsten machte ein enttäuschtes Gesicht: "Hattest du das Gefühl, die Frauen würden benutzt? Hattest du den Eindruck deine kleine Nadja würde nur aus Gefälligkeit zu mir, mit dir das Bett teilen?" Sein Tonfall klang sehr vorwurfsvoll. Joe senkte den Blick: "Nein. Eigentlich nicht."

"Dann stell auch nicht so dumme Fragen. Sex war niemals Bestandteil irgendwelcher Vereinbarungen. Aber Sex gehört zum Leben dazu. Und auch zur Beziehung zwischen Männern und Frauen. Ich will nicht abstreiten, dass manche sich motiviert fühlen etwas zurückzugeben. Aber niemals wird Sex verlangt! Und wie ich dir bereits gesagt habe: Es bringt ihnen auch nichts, außer ihrem persönlichen Spaß. Sie bekommen weder Geld, noch andere Vergünstigungen dafür. Es wird auch keine von der Insel verbannt, weil sie sich verweigert."

Joe nickte betreten. Noch immer nicht hatte er all das verarbeitet. Aber langsam begann er zu verstehen. "Und wo kommen die Frauen heute her? Grant sagte schon, viele von denen hätten eine hässliche Vergangenheit." Thorsten lehnte sich zurück und fuhr fort: "Heute kommen die Frauen genau daher wo sie schon immer herkamen: Aus schlimmen Verhältnissen. Auch heute noch gibt es Sklaverei. Nur heißt sie heute anders. Frauen werden ausgebeutet von skrupellosen Menschen in fremde Länder gebracht und dort gefangen gehalten um prostituiert zu werden. Und genau dorther kommen heutzutage die meisten der Mädchen. Du kennst Tom?"

Joe nickte flüchtig. Er kannte Tom als einen etwas geheimnisvollen Mann. Anfangs hatte er vermutet er wäre vielleicht vom FBI oder sogar der CIA. Seine Tätigkeit für Thorsten war ihm bis heute nicht ganz klar. Aber nun dämmerte ihm etwas. "Tom macht für mich gelegentlich Mädchen ausfindig, welche von Menschenhändlern entführt wurden, kauft sie frei und bringt sie nach Arramoa. Und viele entscheiden sich dort zu bleiben.

Wenn zu Hause klar wird, wo sie waren, werden sie allzu oft von ihren Familien verstoßen oder von ihren Ehemännern abgelehnt. Da gestaltet sich das Leben auf Arramoa deutlich einfacher."

Nun endlich festigte sich das Bild in Joes Kopf und er sah die ganze Insel mit anderen Augen. "Und warum sind sie alle nackt?", fragte er dann schüchtern. Thorsten lachte auf. "Tja... Das wurde im 19. Jahrhundert dort eingeführt. Und seitdem hatte niemand Lust es zu ändern. Damals waren schreckliche Kleider in Mode. Man hüllte Frauen in Unmengen von Stoff. Vollkommen ungeeignet für tropische Gefilde. Alles musste ständig mühsam gewaschen werden weil es am laufenden Band verschwitzt war und anfing zu stinken. Das Süßwasser auf der Insel war damals verdammt knapp. Es gab nur eine Zisterne, die den viel zu seltenen Regen aufgefangen hat. Also hat mein Vorfahr damals beschlossen, da die ganze Insel sowieso ein Unzuchtparadies wäre, würde man jetzt vornehmlich nackt herumlaufen. Die Frauen hatten damals übrigens erheblich weniger Probleme damit als die Männer. Ich glaube da hat Homophobie noch eine große Rolle gespielt.

Und so hat es sich eingebürgert. Die Männer tragen Kleidung. Davon auch nicht zu viel und die Mädchen sind eben nackt."

"Du füllst Swimmingpools! Da wird es doch auch dafür reichen Klamotten zu waschen?", warf Joe etwas vorwurfsvoll ein. "Ja. Heute steht eine Entsalzungsanlage im Norden der Insel. Sogar schon länger. Und als sie gebaut wurde, hat mein Opa überlegt, ob er es aufheben sollte und es wieder zur Regel machen, dass die Frauen Kleidung tragen. Und weißt du, was er sich überlegt hat? Frauen sind genauso eitle Tiere wie Männer. Und wenn es wieder Klamotten gäbe, gäbe es sicher auch Streit darum. Außerdem muss man die Klamotten auch kaufen. Und welcher Mann ist schon motiviert seine eigene Frau mit teurer Kleidung auszustatten, die er ihr im Schlafzimmer sowieso wieder auszieht? Warum sollte ich da 200 Frauen mit Stoff ausstatten, über den sie sich nur in die Haare bekommen und mit dem ich in keiner Gesellschaft angeben kann. Und Uniformen oder so etwas will ich ihnen auf keinen Fall anbieten. Das ist doch kein Sträflingslager. Und im Übrigen bräuchte ich bei der Personenzahl, die heute auf der Insel lebt, auch eine neue Entsalzungsanlage, wenn ich ihnen wieder etwas anziehen würde. Die jetzige ist mit den bisherigen Spielereien an der Kapazitätsgrenze. Und zu guter Letzt: Welcher Mann freut sich nicht über den Anblick nackter Frauen? Mir gefällt es."

Joe nickte langsam und bedächtig. "Das muss ich erst mal verarbeiten.", sagte er entschuldigend und seine Gedanken kreisten um die Insel und das was er gerade darüber gehört hatte. "Das versteh ich. Ich muss auch etwas arbeiten. Allerdings am Laptop. Wir können ja später weiterreden."

Joe nickte nochmals und lehnte sich zurück und starrte wieder aus dem Fenster. Intensiv dachte er über all das nach, was ihm Thorsten erzählt hatte. Und Langsam überkam ihn eine Gewissheit über seine kleine Nadja. Er wehrte sich heftig gegen den Gedanken aber immer wieder kroch er heran und setzte sich in seinem Bewusstsein fest. Und es schüttelte ihn als er es nicht länger vor sich selbst bestreiten konnte. Nadja war von Tom auf die Insel gebracht worden.

Kommentare:

  1. Ich hätt gern ein paar mehr Fakten gehabt, Zahlen und sowas :D Muss doch bestimmt nen Schweinegeld kosten zwecks Nahrung und so nen Spass...

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  2. Jetzt hoffe ich aber mal nicht, dass Joe sich von Nadjas Vergangenheit abschrecken lässt!

    Die Geschichte der kleinen Insel ist hochinteressant. Erfreulich, dass die USA nicht die Kohle von Thorstens Vorfahren genommen und das Eiland trotzdem überrollt haben, um es für geheime atomare Versuche zu nutzen.

    Jetzt bin ich mal gespannt, was Joe noch so alles über Nadja erfährt.

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  3. Ich hoffe, dass Joe sich nicht wegen Nadjas Vergangenheit von ihr abwendet

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