Dienstag, 15. Juni 2010

Sunnys Geschichte (Gastbeitrag)

Die Gehirnbanane hat mir einen hübschen Gastbeitrag zukommen lassen. Es handelt sich um die Geschichte seines Charakters für das Pen&Paper-Rollenspiel Shadowrun. Da er sich viel Mühe mit der Geschichte gegeben hat, würde er sich freuen, wenn ein paar mehr Leute als nur der Meister seiner Spielrunde in den Genuss des Lesens kommen.

Ich habe ihn gebeten, die schlimmsten Fachbegriffe aus dem Shadowrun-Universum ein bisschen zu erklären. Ich finde, dass das ganz gut gelungen ist. Also gibt es in den nächsten Tagen jeweils um 09:00 Uhr ein neues Stück von Sunny. Wenn sonst noch jemand gerne einen Gastbeitrag veröffentlichen möchte bin ich jederzeit gern bereit es mir durchzulesen. Also mailt mir, wenn ihr möchtet, an geschichtenblogger[ät]googlemail.com

Viel Spaß beim Lesen.

Euer Geschichtenblogger



Sunnys Geschichte 1 - Elfengeburt

Es geschah im Jahr 2029, am 16. Juli, einem Donnerstag. Die Sonne stand hoch oben über Ios, einer kleinen griechischen Insel inmitten des ägäischen Meeres und heizte den Menschen die in der Nähe von Skarkos lebten gehörig ein. Auf ganz Ios lebten insgesamt keine 2000 Seelen mehr und von der immer dichter werdenden Weltbevölkerung war hier noch nicht viel angekommen. Auch von den Vorfällen der Goblinisierung und den UGE Kindern blieben die streng katholischen Inselbewohner bislang verschont.

Im Jahre 2011 war es überraschenderweise dazu gekommen, dass wie aus heiterem Himmel „menschliche“ Eltern „nicht-menschliche“ Kinder zur Welt brachten. Diese Kinder unterschieden sich in der Regel durch eines von zwei prägnanten Merkmalen: Die einen Kinder hatten spitze zulaufende Ohren und die anderen waren kleiner und stämmiger. Diese Arten von Wesen waren den Menschen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts bisher nur aus Fantasy Romanen und Spielfilmen bekannt und so wurden sie stumpf als Elfen und Zwerge deklariert. Erklären konnte sich das zu dieser Zeit niemand. Daher die Bezeichnung „Unerklärliche Genetische Experssion“, oder kurz: UGE.

Daraufhin herrschte erst mal einige Jahre Ruhe und bevor die Menschen den Schreck hatten richtig verdauen können ging es nochmal richtig los. 2017 überkam eine neue Welle von Mutationen die Welt, als arglose Bürger sich binnen kurzer Zeit in entstellte Schatten ihrer selbst verwandelten. Auf diese Art und Weise kehrten die Wesen in die Welt zurück die wir heute als Orks und Trolle kennen. Anders als bei Elfen und Zwergen wurden diese aber nicht ins Leben geboren, sondern entstanden aus normalen Menschen wie Max Mustermann von nebenan. Viele begingen Selbstmord. Familien wurden zerrissen als Papa quasi über Nacht zu einem wulstigen Ork wurde, oder die Schwiegermutter über drei Meter an Körpergröße gewann und somit der Bezeichnung „Schwiegermonster“ gerecht wurde. Diese Vorgänge wurden als Goblinisierung bezeichnet. Heutzutage werden Orks und Trolle allerdings wie jeder andere Metamensch geboren. Weitere Verwandlungen blieben nach 2017 aus.

Aber das ist Geschichte.

Die Zeit schritt inzwischen zwar immer schneller voran, aber schien die Bewohner Ios irgendwo unterwegs vergessen zu haben.

Es war gegen Mittag und die Sonne stand inzwischen fast im Zenit über dem höchsten Punkt des bergigen Eilandes, als die Zeit endlich beschloss künftig keinen Bogen mehr um dieses idyllische Fleckchen Erde zu machen.

Mit lautem Geschrei kam an diesem Tag in der Mittagssonne ein kleines Mädchen zur Welt. Die kleine Danái, wie sie später genannt werden sollte, war in diesem Moment keinesfalls die am lautesten Schreiende. So wurde an diesem warmen Sommertag die Familie Galanis mit ihrem vierten Kind beschenkt. Jedoch erhielt die Vorfreude der Geburt einen jähen Dämpfer, als der alte Dorfarzt das Mädchen auf den Armen hielt und die überraschten Eltern einen Blick auf ihre Tochter werfen konnten.

Es gab einen Aufschrei in der Bevölkerung Ios als sich herumsprach mit welchem Unglück die bisher so angesehene Familie Galanis gestraft wurde. Dabei waren sie doch stets ehrbare Leute gewesen. Gottesfürchtig und tüchtig. Der Vater, David Galanis, war Fischer von Beruf und schaffte es seine Familie gut über die Runden zu bringen. Danáis Mutter war Hausfrau und ihre zwei älteren Schwestern gingen noch, genau wie ihr Bruder, zur Schule.

Sie waren ratlos und wussten nicht warum der Herr sie strafte mit einem schwarzen Kind. Schwarze fellartige Haut, schwarzes Haar und dazu ein Paar leicht spitz zulaufende Ohren. Natürlich hatten sie alle schon von den UGE Vorfällen gehört und natürlich wussten sie von den sonderbaren Vorfällen auf dem Festland und dem Rest der Welt. Aber das es nun auch Ios erreicht hatte war für sie unbegreiflich. Danáis Mutter Elená weinte als sie ihre Kleine in den Armen hielt und David Galanis schwieg.

Das Kind, im prallen Schein der Sonne, schrie wie am Spieß und erst spät bemerkte der noch immer schockierte Arzt die Bildung von Blasen auf der dunklen, von schwarzem Flaum überzogenen Haut. Das Mädchen erlitt einen allergischen Schock und musste schon kurz nachdem es das Licht der Welt erblickt hatte reanimiert werden. Erst später diagnostizierte man eine Sonnenallergie.



Danáis Geburt wurde von vielen Bewohnern der Insel als finstere Botschaft und Strafe des Herrn betrachtet. Man war davon überzeugt dass dieses schwarze Kind, das in Dunkelheit leben musste, Unglück und Trauer nach Ios bringen würde. Freunde der Familie kamen um Vater und Mutter ihr Beileid auszusprechen, aber das Gros ihrer Mitmenschen begann die Galanis zu meiden. Man begegnete der ganzen Sache mit gesteigertem Misstrauen und deutlicher Abneigung. Die meisten sprachen es nicht offen aus, aber einige bedachten vor allem das Kind mit Verwünschungen und Flüchen.

Da sich die Schulen weigerten dieses Teufelsbalg aufzunehmen lehrte Elená ihre Tochter das Lesen und Schreiben der griechischen Sprache. Dennoch konnte es so nicht weiter gehen. Auch wenn sie ihr Kind liebte, wusste sie doch genau dass ihr Mann anders dachte. Schon seit der Geburt des elfischen Kindes sah er seinen Nachwuchs als Strafe Gottes und er wandte sich mehr und mehr ab. Heimgesucht von Zweifel und falscher Reue betete er zu Gott um Vergebung. Auch Danáis Geschwister litten schwer unter dem Spott und der durch die anderen Kinder ausgeübten Isolation. So kam es, dass Elená schweren Herzens in der Matrix, der neuen Form des Internets, nach Hilfe suchte. Die Mutter der Nächtlichen beschrieb ihre Sorgen und Ängste in diversen Foren und suchte nach Familien, die ähnliches durchmachten. Sie fasste die Situation und das Leben ihrer Tochter Danái in Zeilen zusammen und hoffte auf einen rettenden Halm, nach dem sie greifen konnte. Elená wollte das Los ihrer Tochter und das der Familie lindern. Doch Monate lang geschah erst einmal gar nichts.

In der Nacht vom 22. Mai 2036 sollte sich für das junge Elfenmädchen erstmals alles ändern. Lauter Tumult kam auf als sich eine Gruppe vermummter Personen der kleinen Hütte der Familie Galanis näherte. Es waren zehn in weiße Roben gehüllte Männer mit ebenso weißen Kapuzen, die sich auf das Grundstück drängten und mit lauten Rufen und Geklopfe Einlass forderten. Einige von ihnen trugen Fackeln und bis auf die Augen war unter den farblosen Masken nichts von den Gesichtern der Unruhestifter zu erkennen. Alle Kutten trugen dasselbe Zeichen: Ein rundes menschliches Ohr.

David war bereits wach als sie kamen um sie zu holen. Die inzwischen wieder in anderen Umständen befindliche Elená schrie vor blankem Entsetzen, als sie die Absicht des Humanis Policlub erkannte und klammerte sich an ihre Kleine. Danáis Geschwister waren in dieser Nacht nicht zuhause.

Der Familienvater entriss der weinenden und flehenden Mutter das Kind und übergab es dem vermeintlichen Rädelsführer der Extremisten. Im Fackelschein begleitet von rassenfeindlichem Gesang wurde das heulende, strampelnde und um sich schlagende Kind verschleppt. David Galvanis stand in der Tür und blickte ihnen noch lange nach während seine Frau sich in den Schlaf weinte.

Ob man schwarz, weiß, gelb oder rot ist, ist nicht länger von Belang. Rassismus der sich gegen die Hautfarbe oder das Herkunftsland richtete ist inzwischen so gut wie nicht mehr existent. Heutzutage ist es einzig und allein entscheidend ob man spitze Ohren hat, ob man zu klein ist, oder ob beispielsweise Hauer aus dem Mund ragen. Metamenschen sind im Jahr 2036 noch immer nicht sonderlich akzeptiert und genau wie es früher Organisationen gab die nichts besseres zu tun hatten, als denen die anders waren die Hölle heiß zu machen, gibt es sie nun auch wieder.

Kommentare:

  1. danke sehr für diese nette publikation :D

    dafür schreib ich dir 3 karmapunkte gut!

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  2. Erst konnte ich damit gar nix anfangen :-)

    Dann bekam ich aber ein wenig Hintergrundinformationen, die du vielleicht im Vorfeld zum besseren Verständnis für Laien schreiben solltest.

    Mit meinem neuen Wissen finde ich die Geschichte sehr gut! Kritik wie: "man könnte es tiefer ausschmücken" fällt somit flach.

    Du schreibst sehr schön, man merkt dir an, dass du dich intensiv damit auseinander gesetzt hast und ich wüsste gerne, wie es mit Danái weiter geht, was aus ihr wird und wie sie sich entwickelt :)

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  3. *Knubbel*
    fein gemacht ;-)

    Klein, fellig und schwarz..mh..an was erinnert mich das?
    Bin mal gespannt, was aus der kleinen wird.

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  4. Eine hübsche Geschichte und das in einem so gänzlich anderen Stil als dem des Geschichtenbloggers. Besonders gut gefallen mir die kleinen Details, mit denen du die Handycaps deiner Nächtlichen ausgeschmückt hast (etwa die Reanimation am Tag der Geburt durch Sonnenallergie).

    Als alter Shadowrun-Freak ist mir die Welt natürlich geläufiger als anderen, aber theoretisch könnte man um jeden Begriff, wie etwa Matrix, Metamensch etc. eine eigene Geschichte schreiben. Insofern schwierig, diese Welt binnen einer Kurzgeschichte einem breiten Publikum zugänglich zu machen, wobei ich aber finde, dass dir das schon gut gelungen ist.

    Über das Fragment "Freunde der Familie kamen um" bin ich zunächst gestolpert, auch wenn sich der Sinn dann schnell erschließt, wenn man den Rest des Satzes liest. Aber ich finde es immer wieder schön, wie ein einzelnes Komma doch so einen großen Unterschied machen kann.

    Und auch wenn ich, zumindest grob, weiß wohin es die Kleine verschlagen wird, bin ich gespannt wie sie den Fängen der Rassisten entkommen kann.

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