Donnerstag, 17. Mai 2012

Verständnis haben

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Wieso bist du überhaupt mit Nadja auf diese Premiere gegangen?", wollte Thorsten nun wissen. Joe seufzte noch einmal und zuckte dann doch nur mit den Schultern. Er nahm noch einen Schluck Bier und suchte nach den passenden Worten. "Ich wollte einfach nicht mehr Versteck spielen." Thorsten nickte langsam. "Damit sind wir auch schon beim eigentlichen Kern der Sache. Wenn man es ganz streng betrachtet ist Nadja dir wichiger als dein Job. Du wusstest, dass das Ärger geben könnte, mit einer 17jährigen aufzumarschieren, aber es war dir egal."

Joe hatte fast genau diese Worte schon im Aufsichtsrat gehört und er schluckte heftig. Allerdings konnte er auch nichts dagegen sagen. Es war die Wahrheit. Für diesen Abend war Nadja wichtig gewesen und alles, was sonst passieren könnte hatte in den Hintergrund treten müssen. "Stimmt.", war ales, was er hervorquetschen konnte. "Ach Joe.", lachte Thorsten als er merkte, wie sehr er ins Schwarze getroffen hatte, "Wer hätte vor zwei Jahren geglaubt, dass du jetzt ein Familienmensch bist." Thorstens Gelächter war irgendwie befreiend, dennoch schaute Joe ihn weiter verunsichert an.

"Wo willst du hin, Joe? Wo willst du in drei Jahren sein, wo in 20?" "Ich weiss es nicht!", sagte Joe ehrlich, "Früher habe ich gedacht, in drei Jahren habe ich NetCorp so langsam so weit, dass ich das nächste angehen könnte. Und ich 20 Jahren? CEO Microsoft, wenn es die dann noch gibt. Aber ich bin mir einfach nicht mehr sicher. Nadja wird bald aufs College gehen und ich ertappe mich bei dem Gedanken, ihr hinterher zu ziehen. Mir dort, wo sie lernen wird, einfach eine kleine Anstellung zu suchen um in ihrer Nähe zu sein."

Thorsten nickte beeindruckt. "Sehr aufrichtig. Nadja kann stolz auf dich sein. Aber sei mal ehrlich zu dir. Wenn du nun als Chef der IT-Abteilung eines drittklassigen Unternehmens in Baltimore dein Dasein fristest. Meinst du, das wird dich glücklich machen. Nicht zuletzt auch solltest du daran denken, dass du dann ein Gehalt vermutlich vierteln kannst und noch eine Null streichen must." "Ich will beides! Ich will bei Nadja sein und ich will Erfolg haben. Ich mache meine Sache doch gut?", versicherte er sich. "Natürlich machst du sie gut. Sogar sehr gut. Wäre es anders, würde ich es dir sagen. Aber beides ist schwierig zu bekommen. Habt ihr darüber nachgedacht, dass Nadja auch in Seattle auf ein College gehen könnte?"

"Wir haben einmal kurz darüber gesprochen, aber es endete fast im Streit. Sie wollte nicht, dass ich ihr vorgebe, wo sie hinzugehen hat. Also haben wir die Sache vertagt." Thorsten warf Joe einen strengen Blick zu. "Konflikte vertagen... tststs.", meinte er Kopfschüttelnd, "Das hilft niemand! Und wenn sie dir vorgben würde, wo du deinen nächsten Job anzunehmen hast, würdest du das auch nicht wollen.", meinte er knapp. Joe wollte etwas erwidern, doch es fiel ihm nichts ein, so schlos er den Mund wieder. "Wie wärs denn, du sagst ihr, wie sehr du sie bei dir haben willst, aber erklärst ihr, warum du nicht so einfach aus Seattle weg kannst? Meinst du nicht, sie will auch bei dir sein? Meinst du nicht, sie wird Verständnis haben?"

Kommentare:

  1. Das sind klare, ehrliche und offene Worte von Thorsten. Aus seinem Mund klingt das alles so einfach und umkompliziert, dass Joe mit Sicherheit erst einmal darüber nachdenken muss.

    An Joes Stelle würde ich aber auch einmal darüber nachdenken, dass er eigentlich nicht wirklich viele Freunde hat, mit denen man über so etwas sprechen kann. Und dass solche Gespräche gut tun, müsste er ja gerade merken.
    Außerdem hat Thorsten natürlich deutlich mehr Erfahrungen in Sachen Beziehung (auch wenn er keine führt) und zwischenmenschlichen Konflikten.

    Dummerweise hat Joe die ebenso wenig wie Nadja. Die beiden neigen ja gerne dazu, alles durch Schweigen komplizierter zu machen, als es ist. Und Thorsten hat absolut Recht. Einen Mann mit Joes Fähigkeiten lässt man nicht einfach so in irgendeinem Kaff verrotten, wenn er großes leisten kann :)

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  2. Joe und Nadja werden sich schon auf eine Lösung einigen. Ich denke, dass Nadja in Gedanken schon gerne wo anders als in Seattle aufs College gehen will, aber ihre Liebe zu Joe ist dafür zu groß. Sie würde es nicht aushalten lange Zeit ohne ihn zu sein, er auch nicht. Im grunde ihres Herzens wissen die beiden das auch. Sie werden über die Möglichkeiten diskutieren, aber ich bin sicher, dass die Beiden eine für beide Seiten, gute Lösung finden werden. Es kommt sicherlich auch darauf an, wie es bei NetCorp weitergeht, oder ob Thorsten Joe vielleicht in einer anderen Stadt einen Job anbietet.
    Aber warten wir ab, erst mus Nadja die Schule beenden.
    Sooo Jungs, nun habt ihr genug über geschäftliches geplaudert, jetzt beginnt der angenehme Teil des Abends. Bin gespannt, ob es bei ein, zwei Bierchen in dem Pub bleibt.

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