Montag, 7. Mai 2012

Kurzgeschichte: Morgen bin ich tot

Diese Kurzgeschichte war ebenfalls ein Wettbewerbsbeitrag. Dieser stand unter dem Motto: "Morgen bist du tot. Wie verbringst du deinen letzten Tag?"

Ich wünsche euch viel Spaß damit.

Liebe Grüße

Joe Nevermind
Euer Geschichtenblogger

Diesen Beitrag gibt es auch als Podcast


„Ich glaube, den perfekten Plan für einen solchen Tag gibt es gar nicht.“, meinte Hagen, sein bester Freund. Erik sog an der Bierflasche und setzte sie dann ab. „Da magst du Recht haben. Aber das ändert nichts daran, dass ich etwas unternehmen will. Wer weiß ob ich überhaupt noch den ganzen Tag habe? Bist du nun dabei?“ „Natürlich bin ich dabei!“
Die beiden jungen Männer saßen auf dem Sofa im heimischen Wohnzimmer. Damals hatte es einen stolzen Preis gekostet. Inzwischen war es etwas abgewetzt und seine Frau hatte Schondeckchen gehäkelt und über die schlimmsten Stellen gelegt. Man musste eben inzwischen mit dem auskommen, was man hatte. Außerdem war es immer noch sehr bequem.

Sie streiften die Schuhe ab und legten die Füße auf den Tisch. Sie grinsten beide und prosteten sich zu. „Wenn deine Frau hier wäre, würde sie uns die Hölle heiß machen.“ „Sie ist aber nicht hier.“, konterte Erik und ließ sich noch ein wenig tiefer sinken. Dabei schob er die Füße langsam über den Couchtisch und stieß gegen eine Bonbonschale. Sie war aus Porzellan und hatte ein recht albernes Design. Eine Clownfigur stand weit zurückgelehnt und hielt die eigentliche Schale vor sich in den Händen. Bei der Aktion war sie schon gefährlich nah an den Rand gerückt. „Damit fang ich an! Das Teil konnte ich noch nie leiden.“, beschloss Erik und streckte langsam den Fuß. Wie in Zeitlupe rutschte der Sockel der Schale näher an den Rand des Tisches und schließlich darüber hinaus, bis der Schwerpunkt hinter der Kante lag und die Schale krachend auf dem Boden landete. „Seit Jahren geht mir das Teil auf die Nerven.“, verkündete er als das Porzellan sich in Scherben unter dem Tisch verstreut und die Bonbons sich in alle Richtungen verteilt hatten. Hagen musste grinsen. „Du scheinst ja echt Ernst zu machen.“


Sie schulterten ihre Golfbags und schritten kräftig aus um zu ihren Bällen zu kommen. „Ich wusste gar nicht, dass du Golf spielen kannst.“, meinte Hagen irritiert. Erik hatte am ersten Loch abgeschlagen und obwohl es ein Par 4 war, den Ball mit einem einzigen wuchtigen Schlag mitten auf dem Grün platziert. „Ich hab in jungen Jahren mal eine Weile gespielt. Damals war ich sogar richtig gut. Aber ich konnte es mir dann einfach nicht mehr leisten als die Kinder kamen. Obwohl ich immer bereut habe, es aufgehört zu haben. Ich hätte einmal bei einem Trend von Anfang an dabei sein können.“ Hagen postierte sich und zog mit dem zweiten Schlag nach und landete nun auch auf dem Grün. Er steckte seinen hölzernen Schläger zurück in die Ledertasche und sah seinen Freund an. „Es gibt sicher Wichtigeres, als einen Trend zu setzen.“ Erik nickte bedächtig. „Da hast du wohl Recht.“
Die Golfrunde war grandios gelaufen. „Acht unter Par. Das hatte ich damals auch einmal.“, wiederholte Erik immer wieder und starrte auf seine Scorecard. „Und du musstest nicht mal schummeln.“, grinste Hagen zurück „Übrigens: Der Gewinner gibt einen aus.“ Die beiden setzten sich an einen der Tische im Restaurant des Golfplatzes. „Ich glaube ich werde mir ein Steak genehmigen. Und als Beilage nehme ich ein Steak.“, lachte Erik und zog demonstrativ den Gürtel aus seiner Kniebundhose. Dann winkte er die Kellnerin heran.

Die Kellnerin stand am Bug der Yacht und ihre langen blonden Haare flatterten im Fahrtwind. Das schmucke Boot pflügte mit beeindruckender Geschwindigkeit durch die glatte See. Ihr Servierrock drückte sich eng um die schlanken Beine. Erik schaute vom Salon aus nach vorne. Dann nickte er Hagen zu und stand auf. „Viel Spaß.“, rief Hagen ihm halblaut nach. Erik ging am großen Spiegel hinter der Bar vorbei. Kurz blieb er stehen und strich seinen legeren Anzug etwas glatt. Galant fuhr er sich durch sein volles schwarzes Haar und ordnete die Pracht etwas. „Geh schon hin du alter Geck.“, rief Hagen nun und nippte an seinem Whiskey. „Von wegen alt.“, äffte Erik zurück und warf noch einen letzten Blick auf sein eigenes Gesicht. Keine Falte war zu sehen und er war ordentlich rasiert. So konnte er sich bei der Schönheit sehen lassen.
Sacht kam er von hinten an sie heran und schlang zärtlich die Arme um ihren zierlichen Körper. „Steak mit Steak hat noch keiner bei mir bestellt.“, grinste sie und drehte sich nun herum. „Ich bin eben etwas Besonderes.“, lachte er sie an und küsste sie gierig auf den Mund. Sie ging sofort darauf ein und Erik spürte ihre kleine Hand in seinem Nacken, wo sie ihm durch die Haare Strich und gleichzeitig klar machte, dass sie nicht wünschte, dass dieser Kuss enden möge.
„Lass uns hingehen, wo es gemütlicher ist.“, raunte sie ihm schließlich ins Ohr. Er packte sie auf seine starken Arme und trug sie vor sich her. Die schmucke Yacht lag in der malerischen Bucht vor Anker und schwankte nur sacht im leichten Wellengang hin und her. Vor der schmalen Stiege, die zur Kabine führte musste er sie absetzen. Sie lachte und ging vor ihm her, wobei sie frech mit dem Po wackelte.
Schwitzend rieben sich ihre beiden Körper in lustvoller Vereinigung aneinander. Er würde diese Frau ewig lieben und das sollte sie auch wissen. Immer wieder trafen sich ihre Münder zu heißen Küssen. Völlig geschafft lagen sie später eng aneinander gekuschelt unter der weichen Decke. „Das ist gar nicht meine Yacht.“, gab er betreten zu. Sie hob den Kopf ein Stück und hauchte ihm einen kleinen Kuss auf den Hals. „Ich weiß. Aber ich liebe dich auch nicht wegen der Yacht.“, flüsterte sie zurück. Eine Gänsehaut ging über seinen Körper und er legte den Arm noch etwas fester um sie.

Der Gang zum Friedhof war nicht so einfach gewesen. Hagen war am Tor stehengeblieben. „Das musst du allein erledigen.“, bestimmte er „Ich habe dir in der Kajüte die Hand nicht gehalten. Also werde ich es hier auch nicht tun. Aber wenn du nochmal Golf spielen willst, bin ich dabei.“ Erik hatte traurig genickt und war die Reihen der Gräber entlanggeschritten. Er kannte den Weg gut, auch wenn er nicht oft hiergewesen war.
Der alte Mann saß auf der Grabeinfassung und starrte in die Ferne. „Hallo Papa.“ Erik näherte sich nur langsam. Der Mann löste den Blick und musterte Erik von oben bis unten. „Du störst mich!“, gab er dann kühl zurück und blickte wieder auf das weite Feld, das an den Friedhof grenzte. „Ich will das nun klären.“, erklärte Erik tapfer „Ich habe nicht mehr lange.“ Wieder musterte der alte Mann ihn und nickte. „Was hast du zu sagen?“, fragte er trocken. Erik musste heftig schlucken und schloss kurz die Augen um sich zu konzentrieren. „Du hattest kein Recht Margot so anzugehen. Sie ist eine gute Frau.“
Sein Vater nickte langsam. „Aber sie ist ein Flittchen! Eine Kellnerin. Weit unter deinem Stand.“, gab er trocken zurück. So oft hatte Erik die Worte gehört und es schnürte ihm die Kehle zu. „Aber ich liebe sie.“ Sein Vater machte eine verächtliche Handbewegung. „Sie liebt jeden, den sie zu fassen bekommt.“ Wieder sammelte sich der Groll in Erik und er hatte Mühe sich zu beherrschen. „Das ist nicht wahr und du weißt das! Ich liebe sie und sie liebt mich!“ Wieder winkte sein Vater nur ab. „Einmal Flittchen, immer Flittchen.“, wiederholte er seine Ansage. „Und nun entschuldige mich. Ich habe zu tun.“

Der alte Mann saß auf der Grabeinfassung und starrte in die Ferne. „Hallo Papa.“, sagte Wolfgang geknickt. Erik musterte seinen Sohn doch schwieg. „Können wir über Renate reden?“, begann Wolfgang schüchtern. „Hast du dich von ihr getrennt?“, fragte Erik unwirsch. Wolfgang konnte dem Blick nicht standhalten und sah zur Seite. „Nein Papa. Wir werden heiraten.“ Erik schnaufte leise und bebte vor Zorn. „Ich hatte dir das verboten.“
Wolfgang blieb standhaft. „Du weißt, ich möchte dich nicht ärgern, aber ich muss tun, was mein Herz mir sagt.“ Erik stand auf und drehte sich herum. Sein Blick fiel auf den Grabstein. Wolfgang sollte nicht, wie er, eines Tages am Grab stehen und um einen Streit zu beenden, der gar nicht der seine war. „Du liebst sie wirklich?“, fragte er dann und drehte sich wieder herum.
„Ja!“ Wolfgangs Stimme klang sehr fest. „Und sie liebt mich!“, fügte er an. Erik nickte langsam und spürte, wie sein Zorn verrauchte. „Wen immer du liebst, ich werde dir nicht im Weg stehen.“, hörte er sich sagen und öffnete die Arme. Vater und Sohn standen auf dem Weg und hielten sich in den Armen.

„Du hast meine Schale kaputt gemacht.“ Margot lächelte gütig aus ihrem faltigen Gesicht. „Tut mir leid.“, gab Erik betreten zu und schaute fast schüchtern zu Boden. „Das ist jetzt nicht mehr wichtig.“, meinte sie sanft und strich ihm zärtlich durch die paar verbliebenen grauen Haare und über die Wange. „Du warst auch schon mal besser rasiert.“ Er nickte unsicher. „Du fehlst mir.“ „Es ist nicht mehr lang, dann bist du wieder da.“, flüsterte sie und hauchte ihm einen Kuss auf die faltige Wange.
„Ich hab das Gefühl, so viel nicht erledigt zu haben.“, meinte er mit belegter Stimme. „So ein Unsinn.“ Immer noch war es ihr sanfter Tonfall, dem er noch nie hatte widerstehen können. „Aber die Kinder… Wolfgang…“ „Pschhhhht.“, machte sie und legte ihm zärtlich den Finger auf die Lippen. „Du hast alles geklärt. Und sie wissen alle, dass du sie liebst.“ Er nickte unsicher. Doch dann übermannte es ihn wieder: „Aber ich wollte doch noch so viel tun.“
„Du hast alles getan, was wichtig war. Es ist nichts unerledigt. Nun musst du nur noch gehen.“ Ihre Stimme war ruhig und sanft. „Ich liebe dich, mein Engel.“, flüsterte er. „Und ich liebe dich mein alter Brummbär.“ Tief sog er ihren Duft noch einmal ein und presste ihren kleinen Körper so fest, an seine Brust, wie es seine geschwächten es Arme noch vermochten. „Bis gleich.“, sagte sie sanft und verschwand vor seinen Augen. Er sah noch einmal zurück, dachte über den Tag nach und nickte. „Du hast, wie immer, Recht. Es ist nichts unerledigt.“ Dann wandte er sich um und folgte ihr nach.

Die ganze Familie saß auf den ungemütlichen Bänken in dem sterilen Flur. Der Arzt war eben in das Zimmer gegangen und nun warteten sie gespannt, wenn auch ohne große Hoffnung, was er gleich verkünden würde. Gestern war Wolfgang bei ihm gewesen und der Vater war beim Spazieren plötzlich zusammengebrochen. Seitdem lag er in einem tiefen Koma.
Als er aus dem Zimmer herauskam, schüttelte der Arzt stumm den Kopf und winkte Wolfgang mit einer unauffälligen Geste heran. „Es tut mir leid.“, sagte er mitfühlend. „Seine Gehirnaktivität lässt nach. Der Schlaganfall zeigt jetzt sein böses Gesicht. Es wird bald zu Ende gehen. Wir könnten ihn wohl noch an die Geräte anschließen, aber…“ Wolfgang winkte bereits ab. „Das hätte er nicht gewollt. Er ist 94 und stand bis zu seinem letzten Tag auf seinen eigenen Beinen.“ Mühsam schluckte er die Tränen herunter. Der Arzt legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie tun das Richtige.“, bekräftigte er und nickte. „Tut trotzdem weh.“, meinte Wolfgang verlegen und wandte den Kopf ab, als er fühlte, wie seine Augen feucht wurden.
„Wird er Schmerzen haben?“, fragte er nach einigen Augenblicken in denen er verzweifelt um Fassung rang. Der Arzt schüttelte den Kopf. „Sein Gehirn stirbt vor seinem Herzen. Er wird es nicht mehr merken. Wenn sie möchten können sie mit ihrer Familie hineingehen.“ „Danke.“

Kommentare:

  1. Diese Geschichte gehört mit zu den Besten die ich kenne. Und ich freue mich sehr, dass du sie hier veröffentlicht hast. Hier gehört sie auch hin, denn hier wird sie gewürdigt und nicht zur Steigerung von Besucherzahl oder inhaltlichen Verbesserung eigener Bücher missbraucht.

    Man muss schon genau lesen, um den roten Faden nicht zu verlieren. Aber das macht auch Spaß, weil du dich in Stil und Wortwahl erheblich verbessert hast.

    So viel in einer Kurzgeschichte zu verweben ist gar nicht leicht. Da ist die Hauptperson Erik mit seinen Stärken und Schwächen, Der freund und Gefährte, der Sohn und seine Frau, die ganz unauffällig zur Hauptnebenfigur wird.
    Erik hat nicht mehr viel zu erledigen, aber sehr wichtiges. Und selbst das verlässt schließlich bei dem Ruf seiner Frau.
    Ich könnte stundenlang philosophieren, was für wen wichtig ist. Alleine die Frage was ich selbst täte ist schon schwer genug.
    Ich lasse das lieber. Vielleicht fällt anderen noch viel mehr ein.

    LG Kay

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  2. *Gänsehaut*

    Super Geschichte, und sie rührt einen zu Tränen.

    Ich habe letztes Jahr meine beste Freundin verloren, die auch noch eine Menge vor hatte und es, wegen Krebs, nicht mehr geschafft hat. Auch sie hat ein Kind zurück gelassen, nur wird sich der Kleine nicht mehr an sie erinnern bzw. nur schwer. Ganz egal wie alt jemand ist, in ihrem Fall war es 24, es ist immer schwer für die Familie und die Freunde wenn jemand gehen muss.

    Jedenfalls, hast du die Geschichte sehr gut geschrieben... Ich sitz hier immer noch und kämpfe gegen so einige Tränchen an. Mach weiter so.

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