Sonntag, 6. Mai 2012

Bin ich eine Hure?

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

"Bin ich eine Hure?", fragte Nadja rundheraus. Dr. Rosenbaum bracht gerade erst die Teetassen und hatte sich noch nicht einmal hingesetzt. "Wie bitte?", hakte sie nach, da sie ehrlich überrascht war von der Frage und glaubte, sich verhört zu haben. "Bin ich eine Hure?", wiederholt Nadja deutlich. Die Ärztin stellt die Teetassen ab und ließ sich auf ihren Sessel sinken. "Nun, das weisst du vielleicht doch am besten selbst?" Sie wollte Nadja etwas aus der Reserve locken. Nicht zuletzt, um sich etwas Zeit zu verschaffen.

Für heute hatte sie ein völlig anderes Thema geplant. Natürlich kam es oft vor, dass Patienten hereinstürmten und über aktuelle Ereignisse sprechen wollten und sämtliche Vorbereitung mit den ersten Worten für die Katz waren. Dann brauchte man ein paar Augenblicke um sich neu zu orientieren. Und dafür ließ man den Patienten am besten etwas aus sich herauskommen. Und auch bei Nadja funktionierte diese Methode gerade wunderbar.

"Ich weiß es eben nicht. Deshalb frage ich ja.", maulte sie etwas beleidigt. Dann griff sie aber doch zum frisch aufgebrühten Tee und zog den ersten Schluck schlürfend durch ihre Lippen. "Du hast mich das aber bisher noch nicht gefragt. Also wird es ja einen Grund geben, warum du gerade jetzt darauf kommst. Und die Intensität deiner Frage verrät mir, dass es dir schon länger als ein paar Minuten im Kopf herumgeht.", meint Dr. Rosenbaum gelassen und so ebenfalls lautstark die ersten Tropfen des heißen Gebräus ein.

Nadja hatte sich zwar an die messerscharfen Schlüsse der Psychiaterin gewöhnt, doch immer wieder schaffte sie es, sie ins Staunen zu versetzen. Für eine Sekunde saß Nadja stocksteif da. Dann schüttelte sie seufzend den Kopf und sank etwas in sich zusammen. "Er hat mir ein Auto gekauft.", begann sie langsam. Dr. Rosenbaum nickte. "Warum?"
"Ähm. Weil ich ein Auto brauche um zur Schule zu kommen. Naja und überhaupt braucht man doch ein Auto."
"Wie bist du bisher hierhin gekommen und zur Schule?"
"Ich hatte seit dem Unfall nur einen kleinen Mietwagen."
"Ach der Unfall. Stimmt. Und davor?"
"Da hatte ich auch einen Golf. Einen GTI."
"Und was hast du jetzt?"
"Auch wieder einen Golf aber einen getunten mit viel mehr PS."

Dr. Rosenbaum genoss es das Gespräch auf diese Eben gezogen zu haben. Es lenkte Nadja etwas ab und gab ihr Gelegenheit ihre eigenen Überlegungen anzustellen. Doch für sie war die Katze längst aus dem Sack und es war klar, woher der Wind wehte. "Nun fragst du dich also, ob du eine Hure bist. Warum genau? Was sagt dir, du könntest eine sein? Was tust du, was eine Hure tut?", bohrte sie nach und lehnte sich etwas zurück.

"Ich tue gar nichts. Ich lebe nur von seinem Geld. Und ich kann ihm das auch nie wieder zurückgeben."
"Und es ist wichtig, dass du das zurückgibst?"
Nadja ließ etwas den Mund offen stehen. "Man kann doch nicht einfach auf die Kosten von jemand anders leben. Das gehört sich doch nicht."
Dr Rosenbaum lächelte sanft. Diese Einstellung war etwas, dass sie selten zu hören bekam. Andere Patienten in Nadjas Alter regten sich eher auf, dass ihre 'bescheuerten Eltern' nicht kapierten, dass man mit einem Jahreswagen an der Schule nicht auftauchen könnte. "Und das macht dich zur Hure?", fragte sie nach und versuchte den amüsierten Unterton zu überdecken.

Kommentare:

  1. Es wundert mich ein wenig, dass Dr. Rosenbaum sich so sehr amüsiert. Als Psychologin muss sie doch schon längst erkannt haben, dass Nadja aus einem konservativen, teils rückständigen Land kommt, ebenso konservativ erzogen wurde und daher besonders unter ihrer aufgezwungenen Vergangenheit leidet.
    Spannend ist für mich die Tatsache, dass Nadja halbwegs damit umgehen kann, zum Leben einer Hure gezwungen worden zu sein, nicht aber mit dem Gedanken, ihrem Liebsten nichts zurückgeben zu können außer ihre seelische und körperliche Liebe. Das alleine macht sie in ihrem Glauben schon zu einer Hure, oder zumindest befürchtet sie, dafür gehalten zu werden.
    Das ist ein Paradoxon. Als sie eine Hure war, sah sie sich nicht als solche, denn sie wollte das alles nicht. Jetzt will sie das alles und genießt es auch, zieht aber in Betracht, nun eine Hure zu sein.

    Amerika ist ja bekanntermaßen ein sehr prüdes Land. Aber auch dort sollten intelligente Menschen schon auf den Gedanken gekommen sein, dass Frauen, die freiwillig als Hure leben, durchaus einen respektablen, harten Job ausüben. Gäbe es keine Huren, hätten die Ehefrauen ein sehr viel schwereres Leben, denn sie müssten ihren Männern das geben, was sie offenbar nicht wollen. Und nicht nur die Ehefrauen, fürchte ich... Hoffentlich erklärt das Nadja mal irgendjemand. Und setzt gleich noch hinterher, dass sie keine Hure ist, weil ihr Verlobter ihr ein Auto, Kleidung und Dach über dem Kopf schenkt.

    Joe wäre entsetzt über diesen Gedanken. Ich glaube sogar, dass Joe noch nie auf die Idee kam, sich bezahlten Sex zu holen. Oder diese Idee sofort wieder verworfen hat.
    Joe ist sich ja noch nicht einmal bewusst geworden, wie sehr Nadja ihn bereits verändert hat. War er früher der Workoholic, der sogar abends mehr in seinem Arbeitszimmer als in seinem restlichen Haus lebte, macht er heute schon früher Schluss, um mit Nadja ein Auto zu kaufen, Essen zu gehen oder ihre Mutter zu besuchen. Und nicht nur das, er erwägt sogar ein Leben ohne Job, solange er Nadja nur behalten und glücklich machen kann.

    Aber das ist auch Nadja nicht klar :) Vielleicht begreifen die Zwei es ja noch mal irgendwann. Es gibt nichts schöneres, als eine entspannte, gelassene und dennoch leidenschaftliche Beziehung, die man nicht mehr hinterfragen muss. Ich wünsche es den Beiden.

    AntwortenLöschen
  2. im prinzip ist das doch alles mal sowas von gewöhnlich...sie hat halt so gesehen ja keine ellis die ihr die ausbildung etc. bezahlen können, sie hat ja als kind auch bei denen auf der ihr geld gelebt und da fragt sich doch auch keiner ob er ein schmarotzer oder eine hure ist und joe ist nun mal freund und dad in einem er übenimmt sogesehen halt beide parts und das was nadja jetzt bekommt kann sie dann an ihr kind weitergeben weil das ist auch noch nicht selbstständig...das nennt man generationsvertrag aber das lernt man ja nicht und so gesehen wird sie das auch joe zurückzahlen weil er eben älter ist und irgendwann wenn sie mal alt sind wird sie ihn eben pflegen und umsorgen so wie er es jetzt tut.

    irgendwie ist die psyche von ihr halt einfach total kaputt und die ärztin macht nix außer tee trinken

    AntwortenLöschen

Bitte beim Kommentieren höflich bleiben. Es gibt hier die Möglichkeit Anonym zu kommentieren, aber denke bitte kurz nach ob du das wirklich möchtest. Unterzeichne deinen Kommentar doch mit einem Pseudonym oder deinen Initialen, dass man weiß, welche Kommentare alle von dir sind. Oder noch besser, du nutzt nicht die Auswahl "Anonym" sondern "Name/URL" und lässt das Feld für die URL einfach frei. Dann wird dein Kommentar mit deinem selbst gewählten Namen angezeigt.

Vielen Dank.