Montag, 8. Februar 2010

Trauer

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Nadja ging schweigend mit Steffen zurück. Die Untersuchung war weit weniger schlimm gewesen als sie befürchtet hatte. Dr. Steiner war ein sanfter Mann und er hatte ihr kein einziges Mal weh getan. "Alles was ich heute gesehen habe ist in Ordnung", hatte er gesagt. Aber was hieß das schon.

Krampfhaft hielt Nadja das kleine Fläschchen mit den Tropfen in der Hand. Ein Medikament musste sie schon nehmen. Nur wegen der Träume an diesen beschissenen Boris. Und wer weiß, was ihre Blut- und Urinprobe und erst ihr Abstrich ergeben würden. Tapsend und verstört ging sie neben Steffen her. Diesmal hatte sie keine Augen für die Schönheit der Natur. Ihre Gedanken kreisten um Hepatitis von der sie gehört hatte, sie wäre unheilbar und schrecklich gefährlich. Und natürlich um AIDS. Trotz der Hitze auf der Insel bekam sie eine leichte Gänsehaut als sie daran dachte.

Wenn sie doch nur Mama und Maria wiedersehen könnte, schoss es ihr durch den Kopf und an dieser Stelle war es um sie geschehen. Dicke Tränen rollten ihre Wangen herab und sie konnte sie nicht aufhalten. Zum Glück waren sie jetzt am alten Pferdestall angelangt und sofort ging sie in die Box. Sie achtete gar nicht auf Steffen sondern verkroch sich sofort unter ihre Bettdecke. Mühsam versuchte sie das Schluchzen noch zurückzuhalten bis er die Türe geschlossen hatte und ein paar Schritte weg war. Dann öffneten sich die Schleusen und sie weinte vollkommen hemmungslos vor Trauer.

Steffen hörte sie natürlich dennoch. Er hatte ihre Verfassung schon auf dem Weg bemerkt, aber er hielt es für schlauer nichts zu sagen. Mit diesen Dingen musste sie allein fertig werden. Er entfernte sich respektvoll und ließ ihr die Zeit sich auszuweinen. Das würde vergehen. Da war er vollkommen sicher. Es war bisher bei allen vorbeigegangen.

Nach einer Stunde hatte sie sich soweit beruhigt. Dicke Nasse Flecken waren auf dem Kissen und sie starrte die Bilder ihrer Familie an, die sie auf dem Nachttisch drapiert hatte. Dann nahm sie ihr Lieblingsbild und drückte es an ihre Brust. "Ich komm zurück zu euch. Versprochen!" Entschlossenheit lag in ihrer Stimme. Dann gab sie dem Bild einen Kuss und stellte es zurück.

Sie versuchte es nochmal mit dem Roman, welchen sie gestern angefangen hatte zu lesen. Aber immer noch waren ihre Gedanken zu aufgewühlt um sich darauf konzentrieren zu können. Sie suchte nach dem MP3-Player. Aber der war weg. Sie erinnerte sich noch daran, dass er morgens gemeldet hatte, seine Batterie wäre leer. Aber jetzt war er nirgends zu finden. Ob Steffen die gute Seele ihn zum Aufladen weggenommen hatte? Sie beschloss nach ihm zu rufen. "Steffen? Kannst du bitte mal kommen?", hallte ihre Stimme zart über den Gang und ihr Blick schweifte durchs Gitter nach rechts und links.

Steffen kam von rechts, vom Ende des Stalls und er lächelte sie an. Schlagartig wurde ihr klar, dass er gehört haben musste, wie sie sich ausgeweint hatte und es wurde ihr unangenehm. Schnell setzte sie sich aufs Bett damit er ihr Gesicht nicht schon am Gitter sehen konnte. Es fühlte sich heiß an und war rot wie eine Tomate. Nur wenige Augenblicke später öffnete Steffen die Box und lächelte sie an. Nadja zwang sich hochzugucken aber sein Lächeln ließ sie sofort wieder verschämt zu Boden gucken. "Was kann ich denn für dich tun?", fragte er freundlich. "Ich.. also...", sie stammelte. Warum eigentlich? Was ist denn so schlimm, dass er sie heulen gehört hat? "Ich such den MP3-Player. Ich kann ihn nirgends finden." sprudelte es dann aus ihr heraus und langsam wich auch die Röte wieder aus dem Gesicht. "Oh entschuldige. Ich hatte ihn mitgenommen um ihn aufzuladen. Er war die ganze Nacht gelaufen. Da hatten seine Batterien die Lebensgeister ausgehaucht." Er zog ihn aus der Tasche und gab ihn ihr. "Ich hätt's dir sagen sollen.", gab er betreten zu.

Nadja nahm ihn dankbar entgegen. "Nicht schlimm.", brachte sie heraus. "Geht’s dir wieder besser?", wollte Steffen dann wissen. Nadja nickte: "Ich glaub es ist wieder gut." Sie machte eine kleine Pause. "Erst mal." Steffen sah sie fürsorglich an: "Du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Es ist ganz normal!" Das war für Nadja wenig hilfreich. Man kann nun mal nicht immer bestimmen wofür man sich nun schämt.

Steffen setzte ein verschmitztes Grinsen auf. "Dann hab ich jetzt noch eine Überraschung für dich. Sie wird dir gefallen!" Nadja schaute auf und sah ihn verständnislos an. "Warts ab!", setzte er nach. Dann nahm er das nassgeweinte Kissen und klemmte es sich unter den Arm und ging aus der Box heraus und schob die breite Türe zu. "Du magst doch frische Luft?", kicherte er und zog jetzt an einem Seil, dass neben der Türe angebracht war. Hinter Nadja begann etwas zu knirschen.

Kommentare:

  1. Du beschreibst ihre Gefühle und Konflikte sehr schön!

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  2. Wow, man kann sich direkt in die Person hinheinversetzten und ahnen wie es ihr geht. Was auch sehr schön ist, ist dass hinter jeder kleinen Ecke noch eine Überraschung wartet. Immer weiter so bin ein kleiner Fan von der Geschichte geworden =)

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