Donnerstag, 18. Februar 2010

Aufwachen

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Nadja hatte den zweiten Tag im Garten in vollen Zügen genossen. Sie war mehrmals im Meer schwimmen gewesen und hatte sich ansonsten brav im Schatten aufgehalten. Ga'ilana hatte sie besucht und sie hatten herrlich quatschen können. Viel Tiefgründiges war dabei nicht rumgekommen aber Nadja genoss es sehr, sich angenehm zu unterhalten und dies nicht in der Angst, jederzeit könnte ein Freier kommen und dieses Gespräch unterbrechen.

Abends hatte sie brav ihre Tropfen genommen und war wohlig eingeschlafen. Sogar um ein paar Seiten in ihrem Buch zu lesen reichte ihre Konzentration nun wieder.

Nun schlug sie die Augen auf. Sie hatte nicht geträumt. Steffen ruckte an ihrem Arm. "Nadja. Bitte wach auf. Es ist wichtig!" "Ich hab meine Tropfen genommen.", stammelte sie schlaftrunken. "Nadja bitte. Du musst aufstehen und mitkommen. Es geht um Jurina!"

Nadja verstand die Welt nicht mehr. Sie hatte doch ihre Tropfen genommen und nun sprach Steffen von Jurina. Sie musste träumen. Aber wieso fühlte es sich so real an. Wie automatisiert schwang sie sich aus dem Bett und starrte Steffen weiter an. "Komm. Schnell!", trieb er sie an und sie gingen aus der Box heraus und hinaus in die Nacht. Alles lag im Dunkeln nur der Mond erhellte den nächtlichen Wald. Die leichte kühle Brise ließ Nadja kurz frösteln. Steffen ging schnell voran und Nadja hatte Mühe ihm zu folgen.

Immer noch war sie nicht sicher, dass sie nun wirklich wach war. Im Dunklen hatte sie die Insel bisher noch nicht gesehen und alles wirkte im Mondlicht gespenstisch. Den Weg allerdings kannte sie. Es war der Weg zur Krankenstation, den sie vor zwei Tagen schon gegangen war. Aber warum ging sie ihn jetzt und im Dunklen? Steffen wartete kurz und trieb sie dann zur Eile: "Bitte. Beeil dich!"

Nadja war sich inzwischen sicher, nicht zu träumen. "Steffen wohin gehen wir?" "Zur Krankenstation. Du wirst schon sehen warum." Nun wagte sie nicht mehr zu fragen und eilte Steffen hinterher.

Das Gebäude lag genauso still da wie am Tage als sie dagewesen war. Der Flur war von Neonlampen hell erleuchtet und Steffen führte sie die Treppe rauf. Er folgte dem kleinen Schild 'Bettenstation'. Immer noch wie in Trance betrat sie hinter Steffen ein Krankenzimmer. Im Bett lag ein kleiner Körper unter der Decke, auf dem Stuhl neben dem Bett saß Tom und der Doc maß gerade den Blutdruck an dem dünnen Arm, der aus der Decke hervorschaute.

Nadja starrte die Szene an und dann erkannte sie das grässlich entstellte Gesicht im Kissen. Es war Jurina und man hatte sie übel zugerichtet. Boris hatte bei seinen Versuchen sie wieder zum Arbeiten zu bewegen all seine Grundsätze vergessen und sie regelrecht zu Brei geschlagen. Tom stand auf und nahm Nadja beiseite: "Hallo. Tut mir leid, dass wir um diese Zeit hier ankommen. Ich hatte gehofft wir würden uns unter etwas besseren Umständen wiedersehen. Sie will nicht aufwachen. Der Doc meint, wenn sie vielleicht eine vertraute Stimme hört würde sie wieder wach." Nadja nickte. Sie hatte Tom kaum eines Blickes gewürdigt. Wie gebannt starrte sie auf das grausame Bild, das sich im Bett bot.

Der Arzt hatte angefangen mit warmem Wasser die Blutkrusten aus dem Gesicht zu waschen. Die geschwollenen Augen wollten sich nicht öffnen. Nadja musste an ihre Tote Großmutter denken, die in der Wohnung ihrer Eltern gestorben war, als sie noch ein kleines Kind war. Sie hatte ihr Leben unter Schmerzen ausgehaucht und auch ihr Gesicht war von Blut entstellt, weil sie aus der Nase geblutet und sich in den Krämpfen die Zunge aufgebissen hatte. In ihren Gedanken entstand wieder das Bild, wie ihre Mutter das Gesicht der Toten wusch. Genau so sah es aus: Als wäre Jurina eine Leiche.

Zögerlich näherte sich Nadja dem Bett und ergriff die Hand an der der Arzt eben noch den Blutdruck gemessen hatte. Die Hand ihrer Oma war unnatürlich kalt gewesen. Jurinas Hand war warm, wenn auch kraftlos. "Jurina...", hauchte Nadja leise und vollkommen überwältigt. Der Arzt brachte unter sanftem Tupfen die Haut wieder zum Vorschein, und das verbesserte das Bild gewaltig, auch wenn fies geschwollene Stellen zum Vorschein kamen. "Sprich einfach mit ihr. Sie muss aufwachen!", bat sie der Doc und Nadja drückte unwillkürlich die Hand fester. "Jurina, wach auf. Du bist hier in Sicherheit! Bitte, komm zu dir!" Und dann zuckte Nadja zusammen. Den kraftlosen Arm durchfuhr ein Zucken und die geschwollenen Augenlieder regten sich und gaben einen Spalt frei und sie spürte Jurinas Blick. "Nadja, sind wir tot?", hauchte Jurina leise.

"Nein! Im Gegenteil! Ganz weit weg davon." Nadjas Augen füllten sich mit Tränen und langsam verlor sie die Beherrschung und beugte sich runter zu Jurina und umschlang sie mit den Armen. Neben sich konnte sie undeutlich noch den Doc aufatmen hören.

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