Montag, 15. Februar 2010

Der Brief

Dies ist eine Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisherigen Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Liebe Mama, liebe Maria und lieber Lukas,

es tut mir so leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ihr macht euch sicher schreckliche Sorgen. Aber nun melde ich mich und sage euch: Es geht mir gut.

Es tut mir auch leid, dass ich weggelaufen bin, aber Papas Plan mit Ivan war einfach zu viel. Ich kann diesen ungehobelten Klotz nicht heiraten. Ich hasse ihn. Hier in Deutschland mache ich nun eine Ausbildung zur Krankenschwester. Es läuft gut und ich komme schnell voran. Alle Auszubildenden wohnen mit mir in einem Schwesterwohnheim. Es ist ein katholisches Krankenhaus und hier im Wohnheim geht es sehr streng zu. Deshalb konnte ich mich auch so lange nicht melden.

Ich habe hier viele Freundinnen gefunden und wir haben eine tolle Zeit. Ich spare jeden Monat etwas von dem Geld, das ich bekomme damit ich euch bald besuchen kann. Ich habe schon eine Menge zusammen und es wird nicht mehr lange dauern bis es für die Fahrkarte reicht. Habt noch ein wenig Geduld.

Ich liebe euch sehr und es tut mir so leid, dass ich euch allein gelassen habe. Bitte verzeiht mir.

In Liebe
Eure Nadja


Nadja sah vom Papier auf. Sie hatte ewig nichts mehr geschrieben und ihr Handgelenk tat weh. Aber noch mehr tat ihr das Herz weh, dass sie ihre Mutter so belog. Aber wie sie es auch hin und her wendete, ihr fiel nicht ein, was sie sonst erzählen sollte.

Dann traf sie der Schlag. Wenn ihre Mama zurückschreiben wollte, was sie zweifellos tun würde, dann stimmte doch die Absendeadresse gar nicht. Ein Kloss bildete sich im Hals und sie schluckte. Heute Morgen ging aber auch alles schief. Sie hatte sehr schlecht geschlafen und schlimme Träume gehabt. Diesmal vor allem davon, wie Boris Jurina quälte um sie zum Zurückkommen zu bewegen. Beim Frühstück hatte sie ihren Kakao verschüttet und nun wusste sie nicht, wie sie den Brief an ihre Mutter schicken sollte ohne dass die ihr auf die Schliche kam.

Steffen kam herein um das Frühstückstablett abzuholen: "Ui. Da hast du aber schon viel geschrieben.", nickte er anerkennend und sammelte das Tablett ein. "Ich hab ein Problem.", sagte sie kleinlaut. "Was, wenn meine Mama mir zurückschreiben will? Dann merkt sie doch, dass es gar nicht stimmt, was ich ihr schreibe?" Sie starrte immer noch bedröppelt auf das schöne Briefpapier, dass Steffen ihr heute Morgen gebracht hatte. "Was hast du ihr denn geschrieben, wo du bist? Wir können dir eine Adresse in jedem Land in fast jeder größeren Stadt besorgen!", sagte Steffen als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Sie starrte ihn an: "Wie jetzt? Wie meinst du das? Ich habe geschrieben ich wäre in einer katholischen Schwesternschule in einem Wohnheim. Aber wenn sie jetzt an ein katholisches Wohnheim schreiben, dann kommt der Brief doch gar nicht hier an. Ich weiß ja nicht mal wie die Adresse von dieser Insel ist." Sie klang immer noch etwas entgeistert. Steffen nickte nur: "Ich geb dir in fünf Minuten 'ne Adresse von einem katholischen Wohnheim an das deine Mama schreiben kann. Die kannst du dann unter den Brief setzen. Und wir lassen den Brief auch in der Stadt dann einwerfen, damit der Poststempel stimmt."

Damit nahm er das Tablett auf, wischte kurz über den Tisch und verschwand. Nadja starrte ihm nur völlig fassungslos nach und schaute dann wieder auf den Brief.

Steffen kam bald zurück mit einem kleinen Zettel und einem großen Umschlag. "So. Die Adresse kannst du benutzen. Und deinen kleinen Umschlag steckst du in den großen. Ich sorge für alles Weitere. Gib mir den Brief einfach wenn du fertig bist."

Nadja las den Zettel und nickte. "Das ist wirklich kein Problem?" "Ach woher denn. Ich glaube keines der Mädchen hier hat ihrer Familie erzählt wo sie wirklich ist. Die Adresse gehört in Wirklichkeit einer Niederlassung von Thorstens Konzern. Dort im Büro weiß man Bescheid und leitet die Post weiter."

P.S.: Wenn ihr mir antworten wollt, und ich hoffe ihr antwortet mir, dann schreibt bitte an das Wohnheim:

Kath. Schwesternheim St. Adelheid
Postfach 1144992
34117 Kassel

Block C Zimmer 105


Nadja schob den Brief in den kleinen Umschlag passend zum Briefpapier, klebte ihn zu und adressierte ihn an ihre Familie. Dann steckte sie den kleinen Umschlag in den großen und gab ihn Steffen. Der nahm ihn und nickte: "Morgen ist der Brief in Deutschland und wird dort eingeworfen. Also sollte er in etwa 4 Tagen in Kiew sein. Mit der Antwort könnte es also ein bisschen dauern. Aber du kannst sicher sein, dass er ankommt!"

Nadja nickte dankbar. Aber mit einem leicht unguten Gefühl. Die Familie zu belügen war wirklich nicht schön. Sie nahm sich fest vor, mindestens ihrer Mama irgendwann die Wahrheit zu sagen.

Kommentare:

  1. Respekt!! Deine Geschichte wird immer schöner! *Hut zieh*

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  2. Mich würde ja jetzt auch interessieren, was aus Jurina wird... Gerade, wenn du sie noch einmal aufgreifst, will man mehr!

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  3. Raffiniert :) Und schön für sie, wieder mit ihrer Mama in Kontakt zu treten. Eltern belügen zu müssen, ist nicht schön, aber manchmal ist die Unwahrheit besser für einen. Hochachtungsvoll, weil mir der Schreibstil sehr gefällt, C.H.

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