Mittwoch, 23. Dezember 2009

Nadja auf dem Weg in die Freiheit

Dies ist das erste Kapitel einer Fortsetzungsgeschichte. Für eine Inhaltsübersicht zu bisher schon veröffentlichten Inhalten schaut doch bitte hier: Übersicht Nadja

Nadja stand an der Bushaltestelle. Ihr schlanker Körper zitterte ein bisschen. Diese Spätsommernacht war ungewöhnlich kühl und sie viel zu dünn angezogen. "Hier war doch der vereinbarte Treffpunkt?" überlegt sie und schaut wieder auf das Schild. Dann auf den Zettel wo sie sich den Namen der Haltestelle notiert hatte.



So viel war passiert in den letzten Tagen. Endlich war sie mit der Schule fertig. Dass es für ein Medizinstudium von zu Hause nicht reichen würde war längst klar. Aber wenigstens eine gute Ausbildung zur Krankenschwester wollte sie machen. Und dann kam Papa mit diesem dämlichen Ivan an. Der war schon die ganzen letzten Wochen um sie herumgeschlichen. Hatte immer wieder versucht mit ihr anzubandeln. Und sie hatte ihn abblitzen lassen ein ums andere mal. Dieser dämliche Kerl. Dumm wie ein Holzklotz und genauso ungehobelt. Und ausgerechnet der hatte nun bei Papa um ihre Hand angehalten. Sie wollte kotzen.
Papa hatte ihr erklärt eine Ausbildung sei für eine anständige Frau überflüssig. Sie solle Ivan heiraten und eine gute Hausfrau werden. "Mit gerade 15 Jahren will der mich verschachern wie eine Kuh!" motzte Nadja wieder und wieder in sich hinein. So unendlich sauer war sie.

Sie hatte sich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausgerechnet. Ihre Mutter ist zur Hälfte eine Deutsche und auch sie sprach fließend deutsch. Vielleicht hätte es sogar irgendwann klappen können und sie hätte diesen dreckigen Vorort Kiews verlassen können und nach Deutschland auswandern. Aber Papa hatte das mit seinen Plänen alles kaputt gemacht. "Wenn ich je heirate, dann einen Mann den ich liebe und nicht so ein Arschloch wie Ivan." hatte sie ihn angeschrien. Aber er war hart geblieben und hatte sogar schon den Standestamtstermin gemacht.

Da kam die Broschüre die ihr eine Freundin gab wie ein Himmelsgeschenk.
"Arbeiten in Deutschland!" war die überschrift. Von tollen Jobs wurde da geredet. Krankenschwester, Pflegekraft, Köchin. All das sollte möglich sein. Und dabei sollte man auch noch gutes Geld verdienen. Alles werde organisiert. Die Reise nach Deutschland, der Ausbildungsplatz, die Unterkunft und auch alles weitere. Kosten werden nicht verlangt. Man arbeite das einfach ab. Von dem tollen Verdienst in Euro dort sei das kein Problem.

In Gedanken sah Nadja sich schon Geld in Umschläge stecken und ihrer Mama schicken. "Mama bekommt jeden Cent! Ich schicke doch diesem Arschloch nicht auch noch Geld." überlegte sie sich.

Sie hatte zugesagt, sich einen Pass besorgt und nun war der Tag gekommen wo sie abreisen sollte. Immernoch bibbernd stand sie an der Bushaltestelle wo sie abgeholt werde. Neben ihr ein Koffer. Sie hatte Unmengen an Wäsche eingepackt. Auf dem Rücken ihr kleiner Rucksack aus dem ihr alter Kinderteddy keck den Kopf herausstreckte. "Der soll schließlich auch etwas von der Welt sehen!" war ihre Überlegung beim Packen gewesen.

Ein schnöder Brief auf dem Küchentisch war ihr Abschied gewesen. Leid tat es ihr um ihre Mama und ihre kleine Schwester Maria. Aber sie war sich sicher, das viele Geld, dass sie schicken werde, würde den beiden schon ein gutes Leben ermöglichen. Ausserdem wollte sie ja auch so bald wie möglich die alte Heimat wieder besuchen. Aber jetzt hiess es erst einmal Blick nach vorn.

Immernoch wartete sie bibbernd in der kühlen Nacht auf den Bus. Nun tauchten am Straßenende Scheinwerfer auf und sie richtete sich auf. "Es geht los." Sagte sie zu ihrem Teddy, "Auf nach Deutschland in ein besseres Leben!".

Kommentare:

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